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Rückblick von Anne von Fallois

#Arbeitenviernull

02.12.2016 - New Work

Am Dienstag, den 29. November hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles in Berlin das Weißbuch Arbeiten 4.0 präsentiert. Das Weißbuch markiert den – vorläufigen – Abschluss eines bemerkenswerten, breiten Dialogs mit Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit über die Arbeitswelt der Zukunft. Ausgangs- und zugleich Schwerpunkt des Weißbuchprozesses: die rasant voranschreitende Digitalisierung von Arbeits- und Betriebsprozessen mit ihren großen Chancen und fundamentalen Herausforderungen.     

Arbeiten 4.0: Starre Strukturen und Hierarchien in Unternehmen und Organisationen werden sich aufweichen müssen. Dies erfordert von Arbeitgebern mehr Bereitschaft zur Flexibilität gegenüber den Mitarbeitern und mehr Raum für Selbstbestimmung. Gleichzeitig muss jedoch dem Bedürfnis der Mitarbeiter nach Sicherheit Rechnung getragen werden. Arbeiten 4.0 verlangt deshalb, die Balance zwischen Flexibilität und Freiheit auf der einen Seite und Sicherheit und Arbeitsschutz auf der anderen neu auszutarieren. Das ist vor allem eine Aufgabe für die Sozialpartner; der Staat – so die sozialdemokratische Ministerin bei der Präsentation des Weißbuches – kann hier nur Leitplanken setzen. Aus Unternehmenssicht lautet die wohl wichtigste Frage: Wie bringt man die neue Flexibilität bei der Arbeit in Einklang mit dem Erhalt erfolgreicher Unternehmensprozesse?

Für Arbeiten 4.0 gibt es keine Standardlösungen. Deswegen soll es – so der Ansatz im Weißbuch – in den Unternehmen Räume für Experimente geben, um neue Formen und Arrangements von Arbeit zu testen. Ein „Wahlarbeitszeitgesetz“, das noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg gebracht werden könnte, soll den Rahmen für diese Modellprojekte in den Unternehmen abstecken. Nach zwei Jahren wird Bilanz gezogen: Was funktioniert, was braucht mehr, was weniger Regeln?

Arbeiten 4.0: Das ist auch eine Herausforderung für Führung. Empathische Ermöglicher sind gefragt, Führungskräfte, die Freiräume lassen, zugleich aber auch Sinn und Zusammenhalt im Team vermitteln. Welche Kompetenzen und Haltungen braucht es dafür, wie formuliert man neue Erwartungen an Führung? Nicht nur auf den Führungsetagen, sondern auf allen Ebenen werden Resilienz und Anpassungsfähigkeit notwendig sein. In einer Arbeitswelt, die sich immer schneller dreht, verlangt das sperrige Wort „Beschäftigungsfähigkeit“ dynamische Ausgestaltung. Lebenslanges Lernen muss nicht nur in Sonntagsreden gefordert, sondern im Alltag gefördert und gelebt werden.

Die Arbeitsministerin verbindet damit eine weitreichende Idee: Die Arbeitslosenversicherung soll zur Arbeitsversicherung entwickelt werden, die Bundesagentur für Arbeit viel stärker noch als bisher präventive Angebote machen, die es Menschen ermöglichen sich immer wieder neu auszurichten. Und die Ministerin hat noch eine andere Idee: eine Art „Erwerbstätigenkonto“ für jeden, um Weiterqualifizierung zu ermöglichen und Lernzeiten zu finanzieren. Damit erteilt Nahles zum einen dem bedingungslosen Grundeinkommen eine Absage, für das sich derzeit eine interessante Allianz von Unternehmenslenkern und Sozialromantikern stark macht. Zum anderen setzt die Sozialdemokratin damit einen interessanten Akzent in der in Wahlkampfzeiten weiter anschwellenden Gerechtigkeitsdebatte. Denn das Weiterbildungskonto versteht sie als „Sozialerbe“, das jedem zukommen sollte. Wer der Erblasser sein soll, ist indes offen. 

Arbeiten 4.0: Das Weißbuch liefert viel food for thought and action für Politik und Wirtschaft, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer – und auch für Kienbaum. Mehr zum Thema New Work bei Kienbaum gibt es hier.

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