Wirtschaft im „Land der Zukunft“

Brasilien: Eine HR-Perspektive

11. November 2019 | Von: Fausto Alvarez, Axel Werner
Brasilien ist nicht nur Mitgliedsland von Mercosur, dem „Gemeinsamen Markt Südamerikas“, sondern auch Teil der BRIC-Staaten. Die weltweit achtgrößte Wirtschaft wird seit langem als „Land der Zukunft“ bezeichnet – eine Zukunft, die sich, wie manche sagen, bisher noch nicht verwirklicht hat.

Trotz aller Herausforderungen sind die natürlichen Ressourcen, die große Bevölkerungszahl und die zahlreichen jungen und auf dem lokalen Arbeitsmarkt verfügbaren Talente nur drei von vielen Faktoren, die Brasilien zu einem attraktiven Ziel für Investitionen aus dem Ausland und internationale Unternehmen machen. Nichtsdestotrotz konnte der seit langem prognostizierte Aufschwung des Landes in den Augen der meisten Beobachter noch nicht in die Realität umgesetzt werden. Bislang wurde er von einer Vielzahl an ökonomischen, sozialen und politischen Herausforderungen verhindert, obwohl das wirtschaftliche Potenzial des Landes nicht zu übersehen ist.

Politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen

  • 2016 – 2018: Angebliches Fehlverhalten führte zum Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff, Nachfolgeregierung ihres Vizepräsidenten Michel Temer
  • 2019: Wirtschaft zeigt Zeichen von Erholung nach der Wahl des kontroversen neuen Präsidenten Jair Bolsonaro

In der Zeit nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro erlebte Brasilien einen umfassenden Korruptionsskandal, in den sowohl die politischen Eliten als auch mehrere große brasilianische Unternehmen verwickelt waren. Die folgenden Unruhen führten schließlich zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff sowie zu einer Haftstrafe gegen ihre Vorgängerin Lula da Silva. Abgesehen von den Auswirkungen auf die Wirtschaft und insbesondere auf ausländische Investitionen ebnete der Skandal auch den Weg für den erfolgreichen Wahlkampf des kontroversen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro. Der neue Präsident – aufgrund seiner rauen Rhetorik gegen Minderheiten, seiner fragwürdigen diplomatischen Fähigkeiten und seiner generellen Unverblümtheit oftmals als „brasilianischer Donald Trump“ bezeichnet – sorgt auch weiterhin für Diskussionsstoff, zuletzt bezüglich seines Umgangs mit den Bränden der Amazonas-Wälder sowie in diesem Kontext auch durch seiner Reaktionen auf Aussagen ausländischer Staats- und Regierungschefs.

Aus innenpolitischer Sicht hatte die neue Regierung aufgrund von Schwierigkeiten im Dialog zwischen Kongress und Staat einen schwierigen Start. Inzwischen lässt sich jedoch beobachten, dass die Situation sich verbessert: Wichtige Reformen – darunter solche, die das Renten- und Steuersystem betreffen – müssen aktuell nur noch bewilligt werden. Seitdem Bolsonaro ins Amt gewählt wurde, hat die brasilianische Wirtschaft trotz der anfänglichen Komplikationen vielversprechende Zeichen von Erholung gezeigt: Der Bovespa-Index ist auf einem Höchststand und die brasilianische Währung hat signifikant an Wert gegenüber des Euros und des US-Dollars gewonnen.

Herausforderungen bei Geschäften in Brasilien

  • Komplexes Steuersystem als Hürde für internationale Unternehmen
  • Hohe Kriminalitätsraten dämpfen ausländische Direktinvestitionen zusätzlich

Die größte Herausforderung für ausländische Unternehmen in Brasilien ist aktuell die Steuerbelastung: Bestehend aus unzähligen verschiedenen Steuern und unterschiedlichen Institutionen, die Steuern eintreiben, ist das dahinterstehende System außerordentlich komplex. Die neu gewählte Regierung hat jedoch bereits versprochen, die Reform dieses komplizierten Systems gleich zu Beginn der neuen Legislaturperiode anzugehen. Schon jetzt kommen internationale Unternehmen mit der Hoffnung nach Brasilien, dass das angekündigte, überarbeitete Steuersystem noch in diesem Jahr bewilligt wird.

Außerdem haben zuletzt hohe Kriminalitätsraten den Enthusiasmus für Direktinvestitionen aus dem Ausland gedämpft. Dennoch sind einige Erfolge zu vermerken: Nachdem 2017 das gewaltsamste Jahr in der Geschichte Brasiliens wurde, ist die Mordrate seitdem wieder gefallen – allein zwischen 2017 und 2018 um 13 Prozent. Im globalen Vergleich besitzt Brasilien jedoch weiterhin eine sehr hohe Mordrate, insbesondere in Rio de Janeiro und den großen Städten im Norden des Landes.

Besonderheiten des brasilianischen Arbeitsmarkts

  • Niedrige Geburtenrate setzt das Rentensystem und potenziell auch den Arbeitsmarkt unter Druck
  • Prognose: Erwerbstätigenquote wird steigen und das wirtschaftliche Wachstum unterstützen

Brasiliens Bevölkerungsreichtum und das vergleichsweise gute Bildungssystem sind vielversprechende Faktoren für den lokalen Arbeitsmarkt. Zugleich ist jedoch zu erwarten, dass demografische Veränderungen dem Land in der Zukunft zur Last fallen werden: Die brasilianische Bevölkerung soll Prognosen zufolge bis 2050 aufgrund einer aktuellen Geburtenrate von nur 1.75 Kindern pro Frau signifikant schrumpfen. Schon jetzt setzt die niedrige Geburtenrate das großzügige Rentensystem unter extremen Druck und kann früher oder später auch Auswirkungen auf die Situation auf dem Arbeitsmarkt entwickeln.

Nicht zuletzt sieht sich Brasilien außerdem mit einer Arbeitslosenrate von über 12 Prozent konfrontiert. Auf der einen Seite ist das Schaffen von Jobs für die gesamte Bevölkerung eine enorme Herausforderung für das Land. Auf der anderen Seite ist diese Situation eine bedeutende Chance für lokale und internationale Unternehmen, die investieren möchten: Durch seinen jungen, gut ausgebildeten Talentpool, der nicht nur jederzeit verfügbar, sondern auch signifikant preiswerter als in den meisten weiter entwickelten Ländern ist, hat Brasilien einen wichtigen Standortvorteil. Dank des großen heimischen Verbrauchermarkts sollte die Erwerbstätigkeitsquote in der Zukunft weiter ansteigen und damit die Wirtschaft zusätzlich stützen.

Wird Brasiliens Potenzial freigesetzt?

Umso mehr Zeit seit der Wahl Bolsonaros vergeht, desto stärker wird der Präsident basierend auf den Resultaten seiner Arbeit und seiner Wahlkampfversprechen bewertet. Bislang bleibt die Frage offen, ob seine Regierung und er in der Lage sein wird, Brasiliens gewaltiges Potenzial zu heben. Nachdem die Regierung ihre Hausaufgaben gemacht hat, ist zu erwarten, dass Brasilien weitaus einfacher ausländische Investitionen anziehen, internationales ebenso wie inländisches Vertrauen zurückgewinnen und folglich das eigene wirtschaftliche Wachstum beschleunigen wird.

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