Prof. Dr. Peter Burggräf zum Faktor Mensch in der Arbeitswelt der Zukunft

Digitale Zwillinge, Roboter & Mixed Reality

Prof. Dr. Peter Burggräf zum Faktor Mensch in der Arbeitswelt der Zukunft

Prof. Dr.-Ing. Peter Burggräf, MBA, ist Professor für Maschinenbau in Siegen und CEO der Beratungsfirma Streetscooter Research in Aachen. Er forscht zu den Themen Produktion 4.0, New Industry sowie Smart Factory und berät Unternehmen der Automobilbranche in Europa und China bei der digitalen Transformation. Von seinen Student:innen, mit denen er virtuelle Unternehmen baut, wurde er 2019 zum Professor des Jahres gewählt.

Lesedauer: 7 Minuten

Digitalisierung und digitale Transformation sind Trendbegriffe unserer Zeit. Die meisten von uns sind im privaten und beruflichen Leben mit dem Thema Digitalisierung tagtäglich konfrontiert und profitieren von der rasanten Entwicklung. Wie verändern aber Themen wie Industrie 4.0 und künstliche Intelligenz die Arbeitswelt und unseren Alltag von morgen? Darüber hat Matthias Cescatti, Principal Executive Search bei Kienbaum, mit Prof. Dr. Peter Burggräf gesprochen.

 

Herr Prof. Dr. Burggräf, Sie sind neben Ihrer Lehrtätigkeit an der RTWH Aachen und der Universität Siegen Geschäftsführer bei der Streetscooter Research GmbH und im Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut und wie organisieren Sie Ihren Arbeitsalltag?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf

Prof. Dr. Peter Burggräf

Prof. Dr. Peter Burggräf: Viele Themen zu haben bedeutet in meinem Fall, täglich mit vielen Leuten in Kontakt zu sein und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Diesen Austausch erlebe ich als große Bereicherung. Natürlich ist es da manchmal nicht einfach, den Überblick zu behalten. Mir hilft es, bewusst gedankliche Cluster zu bilden. Denn oftmals sind einzelne Themen, die Manager:innen, Studierende oder Forscher:innen beschäftigen, enger miteinander verknüpft, als man auf den ersten Blick denkt. Für mich kommt es darauf an, die Dinge in Bezug auf größere Forschungsfragen miteinander zu verbinden. Das kann man trainieren. Ich sehe darin ein großes Innovations- und Kreativitätspotenzial für mein Team und mich. In Zukunft werden uns digitale Assistenten hoffentlich noch mehr organisatorische Prozesse abnehmen und so weiteren Freiraum für kreatives und innovatives Denken schaffen.

 

Stichwort „digitale Assistenten“ bzw. „digitale Zwillinge“. Was heißt das konkret und können Sie hier ein oder zwei Beispiele nennen?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf: Der Begriff „digitaler Zwilling“ wird im Maschinenbau verwendet, um virtuelle Modelle von Maschinen und Anlagen zu beschreiben. Es soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass sich das digitale Modell genauso verhält wie das physische Pendant. So lassen sich bestimmte Vorgänge im Virtuellen unabhängig von Ort und Zeit sehr kostengünstig testen und simulieren. Ich bin sicher, dass in naher Zukunft auch jeder Mensch einen digitalen Zwilling haben wird. Das „zweite Ich“ wird im Hintergrund für uns organisatorische Alltagsaufgaben erledigen und uns viel Arbeit abnehmen. Das wird die größte Revolution unseres Arbeitslebens darstellen. Dieser digitale Zwilling wird auch kreative Ideen einbringen und Vorschläge machen. In China gibt es bereits Chat Bots, die in Chat-Gruppen Ideen einbringen oder beispielsweise auf besondere Ereignisse hinweisen. Die Entscheidung, was damit dann geschieht, ob diese Ideen und Hinweise gut oder schlecht sind, ob sie weiterverfolgt werden sollten oder nicht, muss aber immer bei uns selbst liegen. Wir werden als Menschen nicht nur für uns, sondern auch für unseren digitalen Zwilling verantwortlich sein.

 

Das hört sich sehr interessant an. Der Einsatz virtueller Abbildungen von Objekten und Systemen eröffnet ganz neue Erkenntnisse und Möglichkeiten für die Prozessgestaltung und für neue Arbeitsweisen. Was sind die Voraussetzungen hierfür und wie kann man diese Entwicklung zukünftig nutzen?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf: Auch wenn die technologischen Voraussetzungen bereits vorhanden sind und alle Technologien mehr oder weniger auf dem Markt verfügbar sind, bedarf es für den tatsächlichen Einsatz noch einiger Vorbereitung. So müssen die Modelle digital erzeugt werden, Objekte und Sensoren müssen mit dem Internet verbunden, Plattformen oder virtuelle Farmen, auf denen sich die digitalen Zwillinge befinden, aufgebaut werden. Auch Datensicherheit und Datenschutz müssen ständig verbessert werden, die Mitarbeiter:innen müssen qualifiziert und Geschäftsmodelle etabliert werden. Und natürlich ist die Klärung aller rechtlichen Aspekte, zum Beispiel Haftungsfragen, Pflicht. Wir müssen als Gesellschaft ein gemeinsames Verständnis entwickeln, was wir in diesem Bereich wollen und was nicht.

 

Wenn sich die reale und virtuelle Welt vermischen und miteinander kommunizieren, entstehen neue Anwendungsmethoden. Eine davon ist Mixed Reality, also Virtual- und Augmented-Reality-Anwendungen, die sich zu effektiv nutzbaren Technologien wandeln. In welchen Umgebungen und Prozessen wird diese Methode eingesetzt und warum ist sie so attraktiv?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf: Die Corona-Pandemie hat dem Thema Mixed Reality auf die Sprünge geholfen. Da die Reisemöglichkeiten zurzeit sehr eingeschränkt sind, müssen Maschinen und Anlagen nun aus der Ferne betreut werden. Das beginnt schon im Vertrieb, wenn Kunden über neue Features informiert werden, bei der Inbetriebnahme einer Maschine oder bei Wartung und Reparatur. Zwar gab es diese Möglichkeit bereits vor Corona, aber viele Unternehmen haben die zusätzlichen Kosten für die technische Implementierung gescheut. Jetzt hat man erkannt, dass man mit diesen Möglichkeiten aufwendige Dienstreisen und damit Zeit sowie Kosten sparen kann. Damit rechnen sich die Zusatzkosten für die Technologie. Durch die damit verbundene digitale Schnittstelle werden jetzt zusätzliche Daten gesammelt, die mit KI weiteren Nutzen erzeugen werden.

 

Allerdings stecken wir in vielen Bereichen der Künstlichen Intelligenz noch in den Kinderschuhen, dem Machine Learning. Um in Zukunft z.B. mit neuronalen Netzen zu arbeiten muss noch viel passieren. Diese Entwicklung birgt viele Chancen, aber auch Risiken für unsere Gesellschaft. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf ist neben seiner Tätigkeit als Dozent auch CEO der Beratungsfirma StreetScooter Research

Prof. Dr. Peter Burggräf: Ich bin davon überzeugt, dass die KI unser Leben und unsere Gesellschaft stark verändern wird. Dabei geht es mir nicht um die Algorithmen, auf die der Begriff Machine Learning hindeutet. Die KI der Zukunft wird geprägt sein vom exponentiellen Wachstum des verfügbaren Wissens, der Rechenleistung, Datenübertragungsrate und natürlich der Anwendung. In zwanzig Jahren wird der Computer unsere kognitiven Fähigkeiten insgesamt übertroffen haben. Das schließt auch Fähigkeiten zu Kreativität und sozialer Kompetenz mit ein. Vielleicht wird sogar dann der erste Nobelpreis an eine KI verliehen. Und damit hört die exponentielle Entwicklung nicht auf. Wir alle unterschätzen diese Entwicklung. Sie kann Fluch und Segen sein. Mit KI werden wir Lösungen für globale Herausforderungen wie beispielsweise den Klimawandel entwickeln und vielleicht von schlechten Büchern und Filmen verschont bleiben. Gleichzeitig wird der Arbeitsmarkt radikal verändert und der globale Wettbewerb wird neu geordnet werden. Darüber müssen wir uns im Klaren sein und frühzeitig entscheiden, was wir von KI erwarten, wo wir sie einsetzen und welche Grenzen wir ziehen möchten. Europa hat sowohl bei der Klärung ethischer Fragen als auch beim zielgerichteten Einsatz von KI großen Nachholbedarf.

 

Das Unternehmen „Boston Dynamics“ ist bereits an dem Punkt, dass Roboter sich menschenähnlich bewegen und der Unterschied mit bloßem Auge fast nicht erkennbar ist. Welche Möglichkeiten ergeben sich hier für die Industrie im Sinne der Automatisierung?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf: Diese humanoiden Roboter finde ich extrem beeindruckend. In Fabriken ist es in der Regel nicht notwendig, die Komplexität des Menschlichen mit Robotik abzubilden. Die Biologie ist der Technologie noch in vielen Bereichen überlegen. Die Biomechanik ist extrem flexibel und wartungsarm; ein Leichtbau, mit unzähligen Sensoren ausgestattet. Menschen können ihrem Körper unglaubliche Fähigkeiten antrainieren: vom Durchhaltevermögen für den Ironman bis hin zur filigranen Akrobatik. Vielleicht mag es einzelne Aufgaben in der Fabrik geben, für die diese Form der humanoiden Robotik sinnvoll ist. Parallel dazu wird es eine Artenvielfallt ganz unterschiedlicher Roboter geben: automatische Transportfahrzeuge, Roboterarme, Portalachsen für den 3D-Druck, Drohnen und mehr. Vielleicht ist es sogar besser, wenn man diesen Geräten keine menschliche Gestalt gibt. In einem Automobilwerk wurde mal ein Leichtbau-Roboter erprobt, der die Betankung am Ende der Montage vollautomatisch übernommen hat. Die Kollegen am Band haben dem Roboter das Namensschild des Mitarbeiters umgehängt, der diese Aufgabe vorher erledigt hat, doch dieser vermeintliche Spaß ging kräftig daneben. Sie können sich vorstellen welche Emotionen das ausgelöst hat.

 

Kommen wir auf die Grundvoraussetzungen für diese Themen zu sprechen. Digitalisierung. Spätestens seit der Pandemie verändert diese den Alltag von uns allen. Hätte uns diese Krise vor 10-15 Jahren ereilt, dann wären wir nicht in der Lage gewesen, in dieser Dimension virtuell zu arbeiten und hätten somit keine Möglichkeit für großangelegte Home-Office-Maßnahmen gehabt. Was erwartet uns im Gegenzug in den kommenden 10 Jahren im Bereich der Technologie und welchen Einfluss haben diese Veränderungen auf die Arbeitswelt von morgen?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf: Meine Erfahrung mit den zahlreichen virtuellen Konferenzen ist, dass es im Vergleich mit einem persönlichen Treffen nach wie vor noch Defizite gibt. Durch die Beschränkung auf Bild und Ton gehen wichtige Informationen verloren, die wir in der direkten Interaktion zum Beispiel aus der Gestik gewinnen. Ich bin sicher, dass diese Defizite in den nächsten Jahren kompensiert werden können. Damit meine ich nicht, dass sich virtuelle Meetings unbedingt den persönlichen Meetings annähern. Vielmehr wird es zusätzliche digitale Features geben, die dieses Formataufwerten und vielleicht neue Möglichkeiten eröffnen, die ein persönliches Meeting nicht bietet. Denkbar ist beispielsweise eine Live-Übersetzung, die Sprachbarrieren überbrücken kann.

 

Trotz aller Digitalisierung und Automatisierung, der Faktor Mensch wird weiterhin nicht zu ersetzen sein. Die Anforderungen verändern sich permanent und lebenslanges Lernen wird immer wichtiger. Auf was müssen sich Unternehmen in der Zukunft einstellen, um im Rennen um die besten Mitarbeiter:innen der „Employer of Choice“ zu sein?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf: Das hängt vor allem davon ab, welcher Mitarbeiter:innen-Typ gesucht wird. Gehalt, Sicherheit und Status sind sicherlich Bedürfnisse, die auch in Zukunft eine Rolle spielen werden. Wichtiger wird für große Unternehmen jedoch sein, Mitarbeiter:innen zu finden, die das Potenzial haben, bestehende Systeme zu hinterfragen und Veränderungen trotz Hindernissen durchzusetzen. Diese Mitarbeiter:innen findet man heute vor allem in Start-ups, Beratungen oder kleineren Technologiefirmen. Die jungen Mitarbeiter:innen bekommen dort schon von Beginn an viel Verantwortung für Projekte, Personal, Budget und Ergebnisse. Diese positiven „Unruhestifter“ gewinnt man mit ehrlichem persönlichem Interesse, Handlungsspielräumen, Eigenverantwortung und exzellentem Coaching. Aber ob diese Charaktere bereits ausreichend ihren Weg in die Unternehmen finden und dort gefördert werden, steht auf einem anderen Blatt.

 

Gerne möchte ich noch auf ein anderes Thema zu sprechen kommen. Sie sind Gründer der „SDFS Smarte Demonstrationsfabrik Siegen“. Was verbirgt sich dahinter und was sind die Ziele der „SDFS“?

 

Prof. Dr. Peter Burggräf: Die SDFS ist ein ganz besonderes Projekt, das meine Forschung der letzten 15 Jahre vereint. Wir arbeiten dort in einer 150 Jahre alten Fabrikhalle daran, die Grenzen zwischen Universität und Unternehmertum aufzulösen und zusammen mit Studierenden und Unternehmer:innen die Produktionstechnik der Zukunft zu entwickeln. Wir produzieren reale Produkte und nutzen die Produktion als Labor für Forschung sowie Aus- und Weiterbildung. Siegen gehört zu einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Deutschlands. Über 170 Weltmarktführer produzieren hier für den globalen Markt. Diesen Unternehmen müssen wir mehr Sichtbarkeit verschaffen, da sie maßgeblich für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie verantwortlich sind. Gemeinsam mit der Universität entsteht so ein symbiotisches Ecosystem, das offen für alle ist, die die digitale Transformation ihrer Produktionen mit hoher Geschwindigkeit voranbringen wollen.

 

Lieber Herr Prof. Dr. Burggräf, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch.

 

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Matthias Cescatti | E-Mail: Matthias.Cescatti@kienbaum.de | Tel.: +49 172 205 69 90

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