Wer scheitert, sollte ein Held sein

Interview mit Josef Hasler, N-ERGIE

Wer scheitert, sollte ein Held sein

Die Entwicklungen der vergangenen Monate haben in vielerlei Hinsicht schnelle, oftmals unkonventionelle und vor allem ungewohnt mutige Entscheidungen bedingt. Wie wirken sich diese langfristig aus? Wo brauchen deutsche Unternehmen im Speziellen und unser Land im Allgemeinen mehr Mut? Darüber hat Josef Hasler, Vorsitzender des Vorstands der N-ERGIE in Nürnberg, im Interview mit unserem Managing Director Henning Böhne gesprochen.

Lesedauer: 4 Minuten

Was waren die zwei bis drei größten unternehmerischen Herausforderungen vor dem Hintergrund der Pandemie in den letzten 15 Monaten?

 

Josef Hasler

Josef Hasler – Vorstandsvorsitzender, N-ERGIE

Josef Hasler: In meiner Rolle verantworte ich zwei Unternehmungen: zum einen die Energieversorgung und zum anderen die Verkehrsunternehmen.
Die größte Herausforderung im Bereich der Energieversorgung war, auf der Kundenseite unsere Key Accounts aufrechterhalten zu können. Im Lockdown stellten unsere Großkunden die Produktionen teilweise oder sogar ganz ein – folglich hatten wir ein Übermaß an Strom. Dank unserer sehr langen und engen Kundenbeziehungen ist es uns aber gelungen, diese Herausforderung gut und für beide Seiten fair zu meistern.

Die zweite Herausforderung lag im Bereich der Verkehrsunternehmen, denn uns sind in dieser Phase bis zu 80 Prozent der Kund:innen „weggebrochen“. Trotz dieser Entwicklung mussten wir unser Angebot zu 90 Prozent aufrechterhalten und zeitgleich für die Gesundheit unserer Mitarbeiter:innen Sorge tragen. So haben wir mit all unseren Mitarbeiter:innen mit direktem Kundenkontakt, wie beispielsweise unseren Fahrer:innen oder Monteur:innen, schnellstmöglich vorbildliche Hygienekonzepte umgesetzt.

 

Wie hat sich COVID-19 darüber hinaus auf die Arbeit bei der N-ERGIE ausgewirkt?

 

Josef Hasler: Persönlich war meine größte Herausforderung die Befähigung unserer Führungskräfte zum Remote-Leadership. Das bedeutet zum einen, den Mitarbeiter:innen Vertrauen entgegenzubringen, andererseits aber klare Regeln und Ziele festzulegen, anhand derer Arbeitsergebnisse gemessen werden können. Heute ist es für Führungskräfte wichtiger denn je, klar zu kommunizieren und schnell zu reagieren, wenn einmal etwas aus dem Ruder läuft. Ein bedeutender Erfolgsfaktor bei allen Veränderungen ist es, die Menschen in Entscheidungen einzubinden und mitzunehmen.

Eine wesentliche – sogar positive – Auswirkung der Pandemie war, dass wir im Bereich der Verwaltung Automatisierung, Digitalisierung und „mobiles Arbeiten“ in unglaublicher Geschwindigkeit vollzogen haben. Hier hat Corona wie ein Booster gewirkt: Ohne die erzwungene Digitalisierung wären wir bis 2030 noch nicht da, wo wir heute stehen.

Bei der N-ERGIE wollen wir das Thema „mobiles Arbeiten“ außerdem beibehalten – möglichst auf einem sehr hohen Niveau. Auf keinen Fall möchten wir auf der bürokratischen Ebene zurück in die Vor-Corona-Zeit. Doch eins ist bei aller Euphorie klar: Web-Konferenzen und Video-Calls können den persönlichen Austausch nicht ersetzen.

 

Wie beurteilst Du die besondere Bedeutung und Weiterentwicklung der IT-Funktion?

 

Josef Hasler: Drei Punkte dazu: Unsere IT funktioniert in den Leitstellen, die unsere U-Bahnen und Straßenbahnfahrzeuge steuern, perfekt. Ebenso arbeitet die IT in der Leitstelle der Energieversorgung reibungslos. Beim Thema Verwaltung sieht es dagegen anders aus. Die große Aufgabe der IT ist es jetzt, klare Standards zu setzen und Prozesse zu vereinheitlichen. Aktuell bauen wir unsere IT daher relativ stark um. Damit wir wettbewerbsfähig bleiben, braucht die Verwaltung drei Dinge: Automatisierung, Automatisierung, Automatisierung.

Die IT wird das Schlüsselelement dazu sein – und hier wiederum brauchen wir Mitarbeiter:innen, die wissen, wie Informationstechnologie funktioniert, wie Systeme zusammenhängen und gepflegt werden.

Wer die IT nicht perfekt im Griff hat, wird auf Dauer scheitern. Denn die Margen bei den Produkten werden geringer. Das lässt sich nur durch geringere Aufwände – sprich Automatisierung – auffangen. Wenn das nicht gelingt, dann kegelt es einen quasi aus dem Markt.

 

Was hat sich für Dich als Entscheider auf der Top-Ebene wesentlich verändert?

 

Josef Hasler: Es mag auf den ersten Blick überraschen, doch was meine reine Arbeitszeit angeht, hat die Pandemie eine gewisse Entspannung mit sich gebracht, weil ich schlicht viel weniger auf Dienstreisen bin. Meetings sind heute allgemein kürzer, dafür aber produktiver. Durch die gewonnene Zeit kann ich noch fokussierter Entscheidungen treffen.
Was für mich durch die Einschränkungen der Pandemie dagegen deutlicher wurde: Wir sind alle ein Teil der Wertschöpfungskette, vom Rohstoff bis zum obersten Entscheider oder der obersten Entscheiderin. Und jedem Teil davon kommt eine Bedeutung zu.

Klar ist auch: Corona hat unweigerlich zu einer gewissen (räumlichen) Distanz geführt. Diese hat – wie so vieles – zwei Seiten, denn ein gesunder Abstand zur Arbeit ist auch wichtig. Es ist wunderbar, wenn ich mich mit den Leuten hervorragend verstehe, und wenn nicht, dann machen wir eben unseren Job und gehen wieder nach Hause.

 

Ein Thema, das vor dem Hintergrund der extremen Dynamik im vergangenen Jahr wieder verstärkt in den Fokus gerückt ist, ist Mut. Wo brauchen wir als Unternehmen Deiner Meinung nach mehr Mut? Und über den Tellerrand hinausgeblickt: Wo brauchen wir in Deutschland mehr Mut?

 

Josef Hasler: Grundsätzlich glaube ich, dass auf Unternehmensebene in den letzten Jahren sehr vieles mutlos gelaufen ist. Wir brauchen wieder Menschen, die bewusst Verantwortung übernehmen wollen – und sich nicht überall absichern über Verfahrensanweisungen, Regelungen und Gesetze jeglicher Form.

Wir sind hier alle gefordert: Leute, die beispielsweise Innovationen für uns vorantreiben und daran scheitern, müssten in gewisser Weise eigentlich auch Helden für uns sein. Und das ist ja immer noch ein Thema: Wenn Du scheiterst, hast Du in der Gesellschaft verloren. Eigentlich müsste das Gegenteil der Fall sein. Tesla ist hier ein prominentes Beispiel: Sieben, acht Jahre lang wurde alles versucht, das Elektroauto zu blockieren – jetzt ziehen in der Autoindustrie alle mit Vollgas nach.

Unser Land ist in meinen Augen vollends durchreglementiert und bürokratisiert. Wir müssten mindestens die Hälfte aller Regelungen und Gesetze über den Haufen werfen, da es keinen Handlungsspielraum mehr gibt und wir dadurch in vielen Bereichen auf eine Geschwindigkeit beschränkt werden, die der einer Schildkröte gleicht. In Europa mag man damit noch wettbewerbsfähig sein, aber das ist nicht die relevante Größe. Im Wettbewerb mit Amerika, China, Russland und Indien haben wir so dauerhaft keine Chance. Denn Innovation und Produktion werden dann dort stattfinden, wo es diese Limitationen nicht gibt.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der heiß diskutierte Klimaschutz. Wenn wir keinen Verbrenner und Benziner mehr bauen und aus Gaskraftwerken aussteigen, dann ist Wasserstoff jetzt die Rettung; vom Grundsatz her ein ordentlicher Weg. Doch dieser muss nachhaltig und langfristig gedacht werden und nicht nur für die Dauer von zwei Legislaturperioden. Wir brauchen das, was auch das Bundesverfassungsgericht jüngst gefordert hat: Verbindlichkeit und klare Meilensteine.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Haben Sie Fragen? Sprechen Sie uns an!

Henning Böhne | E-Mail: Henning.Boehne@kienbaum.de | Tel.: +49 89 45 87 78 22

 

Erfahren Sie mehr über das Thema Mut in unserer Veranstaltungsreihe Brave New Work:

Brave New Work 16. September 2021