Cio 5 Rightsourcing
Eigenleistungsquoten in modernen IT-Organisationen steigen wieder

Von IT-Outsourcing zu Rightsourcing

08.05.2018

Die aktuellen Trends in der IT sind bekannt: IT-Budgets steigen im Zuge der Stärkung von Innovationsprojekten sowie der internen Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen. Die traditionelle Plan-Build-Run-IT wird durch 2-Speed-Modelle sowie Multi-Speed-Organisationen und agile Strukturen abgelöst, um Release-Zyklen massiv zu verkürzen und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen. Kundenzentrierte Prozesse stehen im Mittelpunkt, Big-Data-Analysen und Pilotierungen nehmen langsam Fahrt auf. Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung sowie der Umsetzung der neuen Datenschutzgrundverordnung geraten zudem IT-Sicherheitsfragen stärker in den Fokus. Offen bleibt hierbei jedoch die Frage, wie sich die  Eigenleistungsquote von IT-Organisationen in Zeiten der Digitalisierung und Agilisierung entwickelt.

Wer die digitale Zukunft eines Unternehmens mitgestalten möchte, muss Großteile seiner IT besitzen

Eine reine Demand IT oder Retained IT, die sich überwiegend auf Koordinations- und Steuerungsaufgaben beschränkt, ist nicht mehr zukunftsfähig. Um flexibel auf Kundenanforderungen reagieren und kurze Time-to-Market-Zyklen erreichen zu können, muss die IT bis zu einem gewissen Grad im eigenen Besitz des Unternehmens sein.

Nach einer jahrelangen Zunahme der Auslagerung von IT-Services an externe Dienstleister zeigt der  Outsourcing-Markt einen klaren Trend zur Wende: Die Eigenleistungsquoten in IT-Organisationen nehmen wieder zu. Beispiele auf dem Markt illustrieren diese Entwicklung: Die Daimler AG holt wesentliche Teile ihrer strategisch relevanten IT-Services wieder rein, die BMW Group plant die Eigenleistungsquote über die nächsten Jahre signifikant zu erhöhen. Auch die VW AG und die niederländische Bankengruppe ING stärken das interne Engineering massiv im Rahmen ihrer agilen Transformation. Gleichzeitig steigt der Anteil der IT-Services aus Anbieter-Clouds leicht an, hier gewinnen Cloud-Provider beim Betrieb von Standardlösungen gegenüber Outsourcing-Anbietern an Bedeutung. Individualanwendungen werden langfristig mit eigenen Ressourcen betrieben.

IT-Organisationen, die agil erfolgreich umgesetzt haben, nehmen eine deutliche Steigerung der Eigenleistungsquoten vor. Im Fokus stehen insbesondere Engineering-Leistungen

Der Aufbau interner IT Ressourcen und Kompetenzen nimmt allerdings nur in bestimmten Funktions- und Kompetenzbereichen zu, hier liegt ein klarer Fokus im Engineering. In der Infrastruktur oder im IT-Betrieb dagegen bleibt die durchschnittliche Fremdleistungsquote nach wie vor vergleichsweise hoch. Hier ergeben sich jedoch signifikante Kompetenz-Shifts, z. B. aufgrund von Cloud-Services. Um moderne agile Strukturen zu stärken, kann eine ideale Eigenleistungsquote nicht mehr entlang übergeordneter prozentualer Parameter basierend auf IT-Prozessen abgeleitet werden. Die optimale Eigenleistungsquote und somit ein zukunftsfähiger Delivery-Mix muss über die eigenen Produkte und Produktkategorien definiert werden. Hier zielt Kienbaum auf die intelligente Verbindung von IT-Produkttypologien, Eigenleistungsquote und Kompetenzfeldmix ab. Dabei gilt es drei zentrale Prinzipien im Vorgehen zu berücksichtigen:


Zur Bestimmung der optimalen Eigenleistungsquote entlang der beschriebenen Prinzipien folgt das Kienbaum- Modell einer klaren Treiberlogik. Aus dem IT-Gesamtbudget werden die Budgets für die unterschiedlichen Produktcluster abgeleitet (z. B. Collaboration, Data Center, Netzwerk, etc.). Jedes Cluster wird entlang definierter Kriterien bewertet (z. B. strategische Relevanz oder internes Know-how), um diese nach  Produkttypologien klassifizieren zu können, denen spezifische Eigenleistungsquoten Skill-Schlüssel zugeordnet sind (z. B. Core/Non-Core Products, Commodity Services). Im Fokus steht die produktorientierte Ermittlung der Eigenleistungsquote und darauf basierend ebenso der Quantifizierung der jeweils erforderlichen personellen Ressourcen und Skills (basierend auf dem jeweiligen Kompetenzfeldmix je Produkttypologie).

Modell zur produktorientierten Ermittlung der optimalen Eigenleitungsquote

Modell zur produktorientierten Ermittlung der optimalen Eigenleitungsquote

Eine vierstufige Vorgehensweise führt im Ergebnis zu einer Entscheidungsvorlage für die strategischen Eigenleistungsquoten je Produkttypologie

In der Umsetzung folgen wir einem vierstufigen Vorgehensmodell. Im ersten Schritt erfolgen die Definition der zu betrachtenden Produktcluster sowie der Produkttypologien, konkreter Bewertungskriterien zur Einordnung und die Ableitung der relevanten Kompetenzfelder je Typologie. Die Produkttypologien (Commodity, Kernprodukt, etc.) spiegeln die vorhandenen Produktcharakteristiken wieder, um eine klare Produktzuordnung sowie eine spezifische Ermittlung der Eigenleistungsquote zu ermöglichen. In der Analyse werden die Ist-Eigenleistungsquoten sowie die Ist-Kompetenzen in jeder definierten Produkttypologie erhoben, um diese im weiteren Verlauf mit dem Zielbild ableiten zu können. Im dritten Schritt erfolgt die Definition des Zielbildes. Hier werden die zukünftigen Eigenleistungsquoten (Soll-Quoten) sowie der Kompetenzfeldmix je Produkttypologie definiert, um basierend hierauf eine Entscheidungsvorlage entwickeln zu können. Als  Grundlage einer Umsetzungsroadmap zur Erreichung des gesetzten Zielbildes, die konkrete strategische Maßnahmen beinhaltet, dient die Analyse des Gaps zwischen Ist-Zustand und Zielbild.

Die Kern-IT rückt wieder in den Fokus der erforderlichen Führungs- und Mitarbeiterkompetenzen

Im Rahmen der zunehmenden Eigenleistungsquote und Abkehr von der reinen Demand-IT sind höhere IT-Kompetenzen nicht nur bei den Mitarbeitern gefragt. Auch die Führungskräfte sehen sich mit geänderten Anforderungen an ihre Fähigkeiten konfrontiert. Management- und Führungskompetenzen reichen nicht aus, um agilen Teams fachliche Guidance und Feedback zu geben und Anforderungen im Product-Backlog priorisieren zu können. Vor diesem Hintergrund hat z. B. die BMW Group das Programm „Back to Code“ aufgesetzt, das auch Führungskräfte wieder an die „echte“ IT heranführt.

Die Ausrichtung auf eine optimale Eigenleistungsquote beantwortet wesentliche strategische Fragestellungen der IT

Die klare Ausrichtung der strategischen Planung der personellen und kompetenzbezogenen Aufstellung der IT auf eine optimale Sourcing-Strategie entlang definierter Produkttypologien ermöglicht die Beantwortung wesentlicher strategischer Fragestellungen: Wie ist die Wertschöpfung in den einzelnen Produkttypologien zu erbringen? Welcher Kompetenzfeldmix ist pro Produkttypologie geeignet? Welchen Einfluss hat eine angepasste Eigenleistungsquote auf die Personalkapazitäten und die Kompetenzfelder des Personalkörpers der IT (quantitative und qualitative Planung)? Welche Umsetzungsmaßnahmen (z. B. strategisches Learning & Development, Erhöhung der Fremdleistungsquote) sind in den nächsten Jahren zu ergreifen, um das Zielbild zu erreichen? Die richtigen Antworten auf diese Kernfragen ermöglichen eine zukunftsorientierte Aufstellung der IT und sollten unter Berücksichtigung der folgenden Leitplanken erarbeitet werden:

Es wird deutlich, dass im Zeitalter von Digitalisierung und Agilisierung neben den Megatrends in der IT zwei Themen in den Fokus rücken: Um eine zukunftsfähige Aufstellung der IT sicherstellen zu können und die Digitalisierung im Unternehmen aktiv treiben zu können, reicht eine reine Retained-IT nicht mehr aus. Die IT muss in weiten Teilen wieder im eigenen Unternehmen stattfinden. Eine optimale Eigenleistungsquote kann nur entlang des jeweiligen Produktportfolios eines Unternehmens erfolgen. Zudem gilt es in diesem Zuge auch wesentliche IT-Kompetenzen wieder in das Unternehmen zu holen, um agile Strukturen und Methoden erfolgreich umsetzen zu können. Daher stellt auch die Förderung und Sicherstellung des IT Know-hows der Führungskräfte zur optimalen Unterstützung der Mitarbeiter in agilen Arbeitsweisen einen wesentlichen Faktor dar, um die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig sicherzustellen.

Kienbaum Insights The CIO.

Ausgabe 5, Mai 2018

Lesen Sie in der gesamten Ausgabe über die Weiterentwicklung von DevOps zu BizOps und warum Rightsourcing das neue Outsourcing ist.

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