Jorinde Voigt, die Kunst und die Transformation

Aus Lust an der Erkenntnis

11. Oktober 2018 | Von:
Jorinde Voigt
Voigt zieht das Papier durch Farbe. Wartet ab. Steuert dezidiert den Prozess des Zerfließens und Antrocknens und Zerfließens… Noch bevor sie zu ihren feinen, fast technisch anmutenden Linien und Kurven ansetzt, hat sie den künstlerischen Prozess begonnen. Nicht mehr das „Pseudoneutrum“ des weißen Papiers bildet den Anfang ihres kreativen Schaffens; sondern ein selbst erlebter und somit „echter“ Ausgangspunkt.

Jorinde Voigts Ansatz – das deutet sich an – ist durchaus akademisch bis phänomenologisch; doch ist sie im engeren Sinne weder Wissenschaftlerin noch Philosophin. Literatur und Musik sind wesentliche Quellen ihrer Inspiration, doch ist sie weder Autorin noch Komponistin. Sie malt, zeichnet, macht Notizen – darum sind ihre Werke mehr eine sorgfältige Dokumentation von Frequenzen und Sequenzen, von akustischen und visuellen Impulsen als bloß abstrakte Malerei.

Voigt ist im wirklich besten Sinne eklektisch; eine tiefsinnige, feinfühlige und empfindsame Ästhetin, die ihre Gedanken zu den Signalen aus ihrer Umwelt unvermittelt festhält und in komplexe Bilder übersetzt. Bilder, die immer auch ein Stück Selbstoffenbarung darstellen.

Damit ist das Grundprinzip der Kunst Jorinde Voigts zuallererst die Lust an der Erkenntnis. Der ständige Versuch, für alle Ereignisse und Erlebnisse eine Entsprechung im kreativen Handeln zu finden. Epikurs Briefe, Beethovens Sonaten, Spaziergänge in der Stadt, Geräusche aus der Natur, auch eigener Schmerz werden so in mehrdimensionale Graphiken konvertiert, die das multiple Erleben des Menschen in einer Abbildung zusammenfassen. Die dann auf dem Papier resultierenden dynamischen Strukturen – kraftvoll geschwungene, elegante Bögen – und erläuternden Notizen wiederum lassen Rückschlüsse auf das Sujet zu und vertiefen dessen Verständnis.

Mitunter bezeichnet Jorinde Voigt selbst ihre Bilder als „Immersion“, als Einwirkungen aus ihrer Umwelt. Ihr ebenerdiges und von der Natur umgebenes Studio in Berlin-Oberschöneweide fördert dieses kontinuierliche Beobachten, Eintauchen und Vernehmen zusätzlich. „Mein Studio ist ein Organismus. Ich bin jetzt 41. Wann komme ich zur Ruhe?“ Der Vorgang des Suchens und Fragens setzt sich fort.

Wer die Phasen ihres künstlerischen Schaffens nachvollzieht, beobachtet eine Entwicklung von reduzierten Schwarzweißzeichnungen über den allmählichen Einfluss von Farbe bis hin zu neuerdings malerischen Explosionen. Jorinde Voigt als eine Künstlerin (in) der Transformation? „Kunst entsteht immer aus Notwendigkeit – weil man sie machen muss. Künstler transformieren sich immer – weil das Bisherige nicht tragbar ist. Ein reproduzierender Künstler ist nicht mehr lebendig. In der Natur herrscht ständig Transformation. Es gilt das Prinzip der Selbsterhaltung. Ein Baum, zum Beispiel, bildet sich aus seinen Umwelteinflüssen heraus immer neu. Er muss reagieren, wenn er gesund bleiben will. Der Einzelne muss bereit sein, sich zu verändern, sonst stirbt er. Die Arbeit mit Farbe ist daher eine konsequente Weiterführung meiner Notation, eine Erweiterung meiner Aufmerksamkeit.“

Mit der besonderen Form der digitalen Transformation verbindet Jorinde Voigt vor allem Internet und Datenströme. Darin sieht sie einen großen Widerspruch zu dem humanistischen Weltbild, mit dem ihre Generation aufgewachsen ist, da es von einem starken Begriff des Individualismus ausgeht. „Durch die Aufschlüsselung des individuellen Parameters verschiebt sich das Individuelle auf die spezifische Kombination.“

Nähe und Vertrauen sind Paradigmen in Voigts künstlerischem Schaffen. Die festen Mitarbeiter in ihrem Büro, die Freiberufler in ihrem Studio – sie alle kommen nur über Empfehlungen. „Zusammenarbeit entsteht auf Basis von Vertrauen. Offenheit ist das Großzügige an Kunst. Jeder Künstler lässt über seine Werke in sich selbst schauen.“ Introspektion als integraler Bestandteil ihres kreativen Prozesses setzt sich somit in ihrem Team- und Führungsverständnis fort. Bei Jorinde Voigt steht und fällt offenbar alles mit dem Individuum, das wiederum beitragen soll, was es besonders gut kann.

In der Organisationslogik ihres Studios entwickelt sie allein die „Strategie“ in Form des künstlerischen Prozesses; ihr Team verantwortet das „operative“ Handwerk. Damit gleicht das Studio einer kleinen Unternehmung, die letztendlich auf kommerziellen Erfolg angewiesen ist. Nichtsdestotrotz, Voigts Hauptaugenmerk gilt der Qualität – die sich genauso messen lässt wie kommerzieller Erfolg: über Museumsanfragen, die Resonanz des Kunstmarkts und die Teilhabe am intellektuellen Diskurs. Allein den Wettbewerb sucht sie nicht: „Ich bin von den Arbeiten meiner Kollegen und Kolleginnen fasziniert und auch unternehmerisch gibt es gegenseitigen Austausch an Erfahrungen und gegenseitige Beratung. Ich bin sehr selbstkritisch, aber nicht neidisch. Keiner macht das Gleiche wie ein anderer – das eigene Universum ist nicht kopierbar!“

Jorinde Voigt ist Künstlerin, ist Unternehmerin? Das suggeriert einen Transfer von Best Practices aus der Kunst in die freie Wirtschaft. Hier plädiert sie vor allem für mehr Transformationsbereitschaft, Innovation und Veränderung.

 

Managerinnen sollten sehr wach sein; aufmerksam dafür, wohin sie sich entwickeln und wie sie arbeiten wollen. Ich selbst bin jeden Tag damit beschäftigt, mir bewusst zu machen, welche Möglichkeiten ich habe und welche ich davon weiter verfolgen sollte.

Mit ihrem Team verbringt sie spätestens jedes halbe Jahr eine Zeit des Überdenkens: „Was müssen wir weglassen, was anders machen? Was sagt uns unser Umfeld, was müssen wir aufnehmen?“

Das Umfeld mit seinen Anregungen und Reizen bleibt Jorinde Voigts Primat – auch und vor allem das Umfeld der Arbeit. „Wir verbringen den Hauptteil unseres Lebens bei der Arbeit und sollten daher achtsam sein für diese Lebenszeit. Ein Büro muss an den gleichen Maßstäben ausgerichtet werden wie das private Umfeld. Die Schönheit der Arbeitsumgebung hat für mich höchste Relevanz.“ Diese Synthesis aus Schönheit und Arbeit, aus Form und Funktion, aus Kreativität und Neugier – ein Clash der Systeme? – bringt die große Vielfalt der Künstlerin zum Ausdruck. Es bleibt zu überprüfen, wie eine solche Öffnung auch die Zukunft unserer Arbeit bereichern kann.

Lesen Sie in dieser Ausgabe unter anderem was aus Sicht von Thomas Ogilvie, Personalvorstand DPDHL Group die wirklichen Werttreiber im Unternehmen sind, warum die Berliner Künstlerin Jorinde Voigt Transformation als Notwendigkeit ansieht und gewinnen Sie exklusive Vorab-Einblicke in unsere Leadership Survey 2018. Zum Magazin.