Der Mensch-Maschine-Merger

Die Herausgeberin der WirtschaftsWoche sieht eine hohe Verantwortung bei der Gesellschaft

6. Juli 2018 | Von: Saskia Leininger
Was geschieht, wenn wir das Gehirn an das Internet anschließen? Wie kann der Mensch mittels neuer Technologien und künstlicher Intelligenz „verbessert“ werden? Welche Chancen und Risiken birgt dies? Für Miriam Meckel nur ein Ausschnitt einer Reihe von Fragen, die wir uns zu stellen haben, wenn wir über künstliche Intelligenz nachdenken.

Die erste Begegnung der beiden Frauen war im Jahr 2017: Sophia und Miriam. Die Herausgeberin Miriam Meckel und Sophia, aus der Schmiede der künstlichen Intelligenz von Hanson Robotics. Was Miriam Meckel ihrem künstlichen Pendant genetisch voraus hat, versucht der Amerikaner David Hanson seit mehreren Jahren näherungsweise mit drei Zielen im plastischen Körper nachzubauen: Kreativität, Empathie und Mitgefühl. Das Aufeinandertreffen beeindruckte Meckel nachhaltig und ließ in ihr eine neue Frage aufkeimen: „Was passiert mit uns, wenn wir unser Gehirn neuen Technologien, wie z.B. künstlicher Intelligenz, zugänglich machen?“

Gehirnaktivitäten zu lesen, zu verfolgen, zu messen und zu vergleichen, ist bereits heute eine gängige Methode der Neuroinformatik, die über angebrachte Mikroelektroden am Kopf angewandt wird. Insbesondere Schlaganfallpatienten können von diesen Möglichkeiten profitieren. Mithilfe eines Implantats können sie zum Beispiel einen Roboterarm in Bewegung „denken“. Dabei stellt sich laut Meckel die Frage:

Wenn dies mit einem Gehirn möglich ist, wie kann man dann das Gehirn verändern und Gedanken in dieses hineinschreiben?

Meckel testete hierzu 2016 in Boston ein Gerät des Start-ups „Thync“, welches im Hauptteil an die Stirn angebracht wurde, eine weitere Elektrode saß am Hinterkopf. Mit einer App wurde über das Gerät Strom hinzugeführt, wodurch die Stimmungslage gesteuert werden sollte. 300 Dollar kostete das Gerät bei Markteinführung, ist aber mittlerweile aus diversen Gründen von den amerikanischen Gesundheitsbehörden wieder vom Markt genommen worden. Theoretisch sei die medizinische Grundidee laut Meckel jedoch nicht völlig falsch, da so auch Parkinson und Depressionen gelindert werden könnten. Diese Entwicklung würde jedoch laut Meckel nicht im medizinischen Bereich allein verbleiben, sondern sich auch in kommerzielle Bereiche bewegen. Ein aktuelles Beispiel ist für sie der erste Cyborg Neil Harbisson, der sich eine Antenne in den Kopf hat einpflanzen lassen, um seine Farbenblindheit auszugleichen. So „hört“ der gebürtige Brite Farben über das Gerät, die über die Interpretation des Gehirns in Farben gewandelt werden. Die neueste Version der Konstruktion enthält Bluetooth und Wifi. Freunde können Harbisson nun Bilder schicken, sodass er, wenn er auch die Bilder nicht sieht, sie wenigstens hört.

Somit ist es also praktisch schon möglich, Gedanken zu lesen und sogar zu schreiben und zu beeinflussen. Die nächste Stufe sieht die Herausgeberin der WirtschaftsWoche in einer Art „Gedankenübertragung“ in Form von sogenannten „Brain Networks“. In einem tierischen Experiment wurden 2013 zwei Ratten in jeweils einem Käfig gehalten – eine jedoch in Brasilien, die andere in den USA. Trotz tausender Kilometer Entfernung zwischen den beiden Tieren schafften es Wissenschaftler über im Gehirn eingebaute Chips, dass die amerikanische Ratte ihrem tierischen Bruder in Brasilien per „Gedankenteilung“ mitteilen konnte, wie die Nahrungszufuhr im Käfig funktioniert – der Versuchsaufbau war ähnlich simpel wie beim berühmten Konditionierungsexperiment von Iwan Petrowitsch Pawlow. Als einer der größten Verfechter dieser „Gedankennetzwerke“ gilt bislang der Investor Elon Musk, der Mitte 2016 hierzu eigens das Unternehmen „Neuralink“ ins Leben rief. Ziel des Unternehmens ist es, schwere Erkrankungen des Gehirns sowie des zentralen Nervensystems besser behandeln zu können. Auf lange Sicht gesehen will die Firma den menschlichen Körper technisch so erweitern, dass der Mensch mit den Fortschritten in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz Schritt halten kann, und um „potenziell gefährliche Verwendungen von künstlicher Intelligenz bekämpfen zu können“ (Elon Musk).

Dies alles hätte für die geistige Elektromobilität des Menschen sehr große Auswirkungen, zeichnet Miriam Meckel. Der österreichische Schriftsteller Robert Musil sei nahezu prophetisch gewesen, als er äußerte, dass der mathematische Mensch eine Analogie für den geistigen Menschen sei, der kommen würde. Der geistige Mensch sei also der, der das menschliche Gehirn tatsächlich als Produktivkraft nutzt, um auf einem „Marktplatz des Hirnwettbewerbs“ immer möglichst vorne mit dabei zu sein, in der sog. „World of Selfcraft“ (in Anlehnung an das Online-Game „World of Warcraft“). Nach Social und Digital Divide gäbe es dann laut Meckel vielleicht den Neuro-Divide, was so viel bedeutet, wie dass die Möglichkeit, sich über seine kognitiven Fähigkeiten in der Gesellschaft zu beweisen, plötzlich vom Geld abhinge. Dann würde in Meckels Augen die Hirnleistung ein Debattenthema werden wie beispielsweise Genderthematiken, Religiosität und die sexuelle Orientierung. Für Meckel ergeben sich dadurch eine Reihe von Fragen: Gibt es ein Recht auf „gedankliche Selbstbestimmung“, indem man sich von der Manipulation ausschließt und kann man dann überhaupt noch mithalten oder bestehen? Wer bin ich dann noch als Mensch? Beobachte ich oder andere, bin ich noch ich oder bin ich ein Zusammenfluss aus externen und internen Datenströmen?

Die Gesellschaft entwickele sich auf diesem Wege hin zu einem „Neurokapitalismus“, wie Miriam Meckel diese mögliche, kommende Phase bezeichnet. Dabei sieht sie ein Zitat von Hennric Jokeit und Ewa Hess aus dem Jahre 2013 als zentral an: Die Zukunft des Menschen liegt darin, dass er eine „dynamisch erneuerbare Expansionsbereitschaft“ an den Tag legt. Dies unterstreiche vor allem, dass sich das Gehirn als letzte Ressource der Identität öffnen und diesem Wettbewerb und den Entwicklungen ausgesetzt sein wird. Es sei daher an der Zeit, darüber nachzudenken, was wir damit einleiten, wenn wir einmal das Gehirn für alle Reize öffnen. Dann könne es diesen Reizen nie wieder entzogen werden, sodass wir Technologien benötigten, die zuvor geschaffene Technologien kontrollieren könnten, da es sonst für den Menschen problematisch werde. Bevor wir jedoch soweit sind, sollten wir das tun, was wir schon jetzt mit unserem Gehirn tun können: „Denken, was wir wollen oder nicht wollen – wir sind so frei“.