Im Gespräch mit Professor Hüther

Verantwortung macht nicht beim Ergebnis halt

29. November 2019 | Von: Prof. Dr. Walter Jochmann
Als Direktor und Mitglied des Präsidiums des Instituts der deutschen Wirtschaft ist Michael Hüther schon von Berufs wegen ein politischer Mensch. Mit Walter Jochmann sprach er über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für Deutschland – und die besondere Rolle von Personalarbeit und Politik bei der Gestaltung des digitalen Wandels.


Lieber Herr Professor Hüther, die Digitalisierung dringt in alle Lebensbereiche vor. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie im digitalen Wandel?


Professor Hüther: Es gibt nicht die eine Digitalisierung – ihre Potenziale orientieren sich an den Strukturen der einzelnen Volkswirtschaft. Die USA beispielsweise sind stark durch das B2C-Geschäft und die Sharing Economy geprägt. In der Bundesrepublik wiederum gibt es eine enge Anlehnung an die Industrie. Der Anknüpfungspunkt für die Digitalisierung ist also immer die konkrete Situation im volkswirtschaftlichen Strukturwandel. Insofern haben wir in Deutschland in den Bereichen industrieller Wertschöpfung einen Kompetenzvorsprung und Wettbewerbsvorteil.


Hat Deutschland mit seiner Sozialen Marktwirtschaft eine besondere Ausgangssituation?


Professor Hüther: Die Soziale Marktwirtschaft als Ordnungsmodell bietet gute Voraussetzungen. Das hat vor allem mit der Netzwerkstruktur der deutschen Wirtschaft zu tun, aber auch mit der dualen Berufsausbildung und nicht zuletzt der gelebten Sozialpartnerschaft, die geschützte Verantwortungsräume für Arbeitgeber und Arbeitnehmer beziehungsweise Gewerkschaften bietet. All diese Faktoren helfen beim Strukturwandel. Wir in Deutschland können dadurch prozentual mehr Menschen im digitalen Wandel mitnehmen als andere Länder. Zum Beispiel sind Kompetenzentwicklungen hierzulande differenzierter als in den USA. Und auch die soziale Absicherung ist ein entscheidendes Ordnungselement unserer Wirtschaft.


Für den Arbeitsmarkt wird von verschiedenen Stimmen ein breites Spektrum an Szenarien postuliert: Von technologiebedingter Arbeitslosigkeit bis hin zu neuen Job- und  Funktionsgruppen aufgrund digitaler Technologien. Welche konkreten Effekte der Digitalisierung erwarten Sie für den deutschen Arbeitsmarkt?


Professor Hüther: Das eben erwähnte Modell der differenzierten Qualifizierung hat die spannende Implikation, dass wir in Deutschland die Dinge nicht nur erfinden, sondern auch machen. Dadurch sind Berufsbilder viel dynamischer und anpassungsfähiger. So werden in bestimmten Kontexten Kompetenzen neu kombiniert: Zum Beispiel gibt es einen zunehmenden Bedarf an Personen mit MINT-Hintergrund – akademisch wie fachlich ausgebildet. Auch für Berufsbilder im Bereich gesellschaftlicher Dienstleistungen, wie der Pflege, ist mit Beschäftigungszuwächsen zu rechnen. Im Übrigen ist die Pflege ein gutes Beispiel dafür, dass vermeintlich routinierte Tätigkeiten nicht automatisch digitalisiert werden können – hier müssen haftungspflichtige Entscheidungen getroffen werden: die Verantwortung des Menschen wird nicht dadurch aufgelöst, dass ein Roboter seine Arbeit übernimmt.

Die Verantwortung des Menschen wird nicht dadurch aufgelöst, dass ein Roboter seine Arbeit übernimmt.


Digitale Technologien treiben auch die Flexibilisierung von Arbeit voran. Welche sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren flexibler Arbeitsformen?


Professor Hüther: Es ist unternehmerische Realität, dass Arbeitnehmer ebenso wie Arbeitgeber den Wunsch haben, flexibler zu sein. Und grundsätzlich wird in Deutschland schon auch viel von dem genutzt, was theoretisch möglich ist. Im Dienstleistungsbereich ist der Wunsch nach Flexibilität natürlich leichter zu realisieren als in der Produktion. Flexible Formen der Zusammenarbeit, wie zum Beispiel Projektarbeit, sollten daher nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich möglich gemacht werden.


Und welche Bedeutung kommt hierbei der Personalarbeit zu?


Professor Hüther: Die strategische Bedeutung der Personalarbeit ergibt sich aus dem nachhaltigen demografischen Wandel. Bis in die 2000er Jahre war Personalmanagement Kostenmanagement. Man darf auch nicht vergessen, dass die Personalpolitik noch lange unter der besonderen Situation der Finanzkrise gelitten hat. Jetzt sind die meisten Unternehmen auf der Suche nach den Kompetenzen, die sie brauchen, um zukunftsfähig und erfolgreich zu sein. Die Idee vom lebenslangen Lernen gewinnt so an realen Konturen: Wer einmal gelernt hat, zu lernen, ist flexibler. Diese verschobenen Weiterbildungsmuster sind für die Personalarbeit von besonderer Relevanz.


Inwiefern kann die Politik hier einen förderlichen Rahmen setzen?


Professor Hüther: Ich habe den Eindruck, die Politik treibt die notwendige Qualifizierungsoffensive nicht mit ausreichend Tempo und Konsequenz voran. Zum Beispiel sind wir im Vergleich zu China rein mengenmäßig im Nachteil hinsichtlich unserer Wettbewerbsfähigkeit in Fragen technologischer Kompetenzen.

Qualifizierung nach dem Gießkannenprinzip hilft hier nicht weiter; stattdessen sollten wir die Bündelungspotenziale unserer Wirtschaft nutzen, die sich unter anderem durch ein äußerst differenziertes Forschungs- und Entwicklungssystem auszeichnet. Auch ist KI nicht die Antwort auf alles; vielmehr muss es um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle gehen. Schließlich ist das Arbeitsverhältnis in Deutschland nach wie vor reguliert über Arbeitszeit und -ort, historisch geprägt von einer kontinuierlichen Tätigkeit außerhalb der eigenen vier Wände. Österreich hat die Flexibilisierungsräume für Arbeitgeber und Arbeitnehmer bereits vergrößert. Bei uns in Deutschland ist wenig passiert. Doch wir beobachten auch erste Initiativen, zum Beispiel beim Thema Cloud Working.


Dürfen – oder müssen sogar – in politisch bewegten Tagen wie heute auch Unternehmer gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, indem sie politisch Position beziehen?


Professor Hüther: Die persönliche Meinungsbildung sowie Positionierung reflektieren auch das wirtschaftliche Handeln und seine Bedingungen. Wie kann ich in China tätig sein, ohne zu reflektieren, dass ich Parteizellen im Unternehmen einen Raum gebe, und ohne mich zu fragen, wie mit den Beschäftigten („social scoring“) umgegangen wird? Die Verantwortung macht nicht beim Ergebnis halt.


Die Verbindung von technologischem und sozialem Fortschritt gilt als zentrale Herausforderung der digitalen Transformation; insbesondere die Entwicklung von Gehältern ist Gegenstand kontroverser Diskussionen. Götz Werner nennt das Grundeinkommen „das Utopischste, was man sich vorstellen kann“. Ist ein bedingungsloses Einkommen ein aus Ihrer Sicht probates gerechtigkeitspolitisches Instrument?


Professor Hüther: Unser System fußt auf der Erwerbsorientierung und Leistungsgerechtigkeit, die Ausgangspunkt all unserer Möglichkeiten sind. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine kulturelle Fiktion und allenfalls in ganz kleinen Segmenten, wie zum Beispiel bei beamteten Professoren, denkbar. Anstatt das alte Haus abzureißen, ohne genau zu wissen, nach welchen Strukturen das neue gebaut werden soll, sollten wir überlegen, wie wir dem Wachstumsstress, den alle durch die Digitalisierung spüren, durch eine Förderung der Erwerbsintegration und Bildungsinvestitionen begegnen. Sozialer Fortschritt entsteht mehr durch Qualifizierung als durch Finanzierung.


Herr Professor Hüther, vielen Dank für das Gespräch.


Unser System fußt auf der Erwerbsorientierung und Leistungsgerechtigkeit, die Ausgangspunkt all unserer Möglichkeiten sind.

Impressum:

HR FUTURE LINE, November 2019, Ausgabe 3

Redaktionsleitung:
Oliver Stock, ViSdP

Herausgeber:
Kienbaum Consultants International GmbH
Edmund-Rumpler-Straße 5 | 51149 Köln