“Wo es belastbare Beziehungen gibt, findet man auch digital Gehör”

Interview mit Christoph Minhoff

“Wo es belastbare Beziehungen gibt, findet man auch digital Gehör”

Christoph Minhoff ist seit 2012 Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbandes Deutschland sowie des Dachverbands der deutschen Lebensmittelindustrie BVE. Zuvor war der gelernte Journalist Programmgeschäftsführer für das ZDF beim Fernsehsender Phoenix.

Lesedauer: 2 Minuten

Minhoff kennt als Seitenwechsler vom Journalismus in die Verbandswelt nicht nur persönlich Transformation, sondern hat auch die von ihm geführten Verbände in den letzten Jahren einem umfassenden Change-Prozess unterzogen. Unter Corona-Bedingungen hat sich das doppelt ausgezahlt. Wie sind „seine“ Verbände mit den Herausforderungen umgegangen, was nimmt er für seine Führungsrolle mit aus den Erfahrungen der letzten Monate? Darüber hat Anne von Fallois mit ihm gesprochen.

 

Vor einem Jahr war die Welt noch in Ordnung… Was aber haben Sie im Verband gemacht, als sich 2020 die ersten Corona-Wolken am Himmel zeigten?

 

Christoph Minhoff: Wir sind bereits Ende Februar ins Homeoffice gegangen. Das konnten wir, weil wir darauf technisch gut vorbereitet waren. Und dann haben wir unter Hochdruck gearbeitet. Denn wir mussten dafür sorgen, dass die Lebensmittelindustrie als das behandelt wurde, was sie ist: systemrelevant. Unter Lockdown-Bedingungen wirksam politische Interessensvertretung zu betreiben, war eine neue Herausforderung. Aber wo es belastbare und vertrauensvolle Beziehungen gibt, findet man auch digital Gehör.

 

Als Verbandsgeschäftsführer sind Sie Stimme der Lebensmittelindustrie nach außen, aber Sie müssen auch nach innen gerichtet die Stimmen Ihrer Mitglieder hören und deren Wünschen und Erwartungen Rechnung tragen. Wie ist das unter den erschwerten Bedingungen gelungen?

Christoph Minhoff

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer Lebensmittelverband Deutschland e.V. sowie des Dachverbands der deutschen Lebensmittelindustrie BVE (Foto: Santiago Engelhardt)

 

Christoph Minhoff: Mit neuen Formaten und Info-Kanälen. Auch darauf waren wir gut vorbereitet, denn wir hatten bereits vor Corona ein „Multi-Channel-Kommunikationskonzept“ umgesetzt. Und im Lockdown haben unsere Mitglieder unsere Remote-Angebote – vom Webinar bis zum Info-Blog „Minhoffs Monat“ – erst so richtig schätzen gelernt. Unsere digitalen Veranstaltungen sind heute fast besser besucht als die analogen. So seltsam das klingt: Die Corona-Abstandsregeln haben uns auf digitalem Wege näher an unsere Mitglieder geführt. Und das ist wichtig: Verbände müssen Augen und Ohren offen halten für die Wirklichkeit ihrer Mitglieder. Nur dann können sie authentisch und wirksam deren Interessen vertreten.

 

Welche Eigenschaft hilft Ihnen am besten dabei, die Lebensmittelverbände durch die Corona-Zeiten zu steuern?

 

Christoph Minhoff: Mut. Ich habe keine Angst vor Entscheidungen, auch wenn Situationen von Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit geprägt sind. Und ich kann meine Entscheidungen verständlich machen – dabei hilft mir sicherlich mein journalistisches Handwerkszeug. Unermüdlich und klar kommunizieren, nach innen wie nach außen: Darauf kommt es an in so einer Krise. Und auch wichtig: Vertrauen. Ich habe meinen Mitarbeitenden viel Vertrauen geschenkt und ich habe erlebt, wie sie an und mit der Verantwortung gewachsen sind. Eine gute Erfahrung auch für die Zukunft!

 

Vielen Verbänden hat die Pandemie nach außen wie nach innen viel abverlangt. Aber man hat den Eindruck: Manchem Verband hat Corona auch neues Leben eingehaucht. Wie sehen Sie das?

 

Christoph Minhoff: Wir haben deutlich gemacht: Wir sind systemrelevant für eine systemrelevante Branche. Zum Beispiel haben wir durchgesetzt, dass Menschen, die im Lebensmittelhandel tätig sind, mit hoher Priorität geimpft werden. Wir haben viel Zuspruch aus den Reihen unserer Mitglieder bekommen. Das hat auch unter den Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle ein neues „Wir-Gefühl“ erzeugt.

 

Corona geht – hoffentlich – vorbei; für die Verbände aber gibt es bleibende Herausforderungen. Worin sehen Sie diese?

 

Christoph Minhoff: Es gibt drei zentrale Herausforderungen, auf denen weiterhin der Fokus liegt: Digitalisierung, Kommunikation und Mitgliederbindung. Uns ist es immens wichtig, die bestehende gute Verbindung zu unseren Mitgliedern nicht nur zu halten, sondern weiter zu intensivieren. Unsere Kommunikation war vor Corona nicht schlechter oder besser, sondern anders. Sie muss aber nach wie vor in allen Bereichen – von der Öffentlichkeit über die Presse bis hin zu Mitgliedern und Mitarbeitenden – reibungslos laufen. Die Lockdowns der letzten Monate haben der Digitalisierung insgesamt einen riesigen Schub gegeben, nicht nur technisch, sondern auch mental. Diesen gilt es nun weiterhin bestmöglich zu nutzen und auszubauen.

 

Beamen wir uns mal geistig ein Jahr weiter – an den Jahresanfang 2022. Wie möchten Sie auf das dann alte Jahr 2021 zurückblicken?

 

Christoph Minhoff: Auf jeden Fall nicht wehmütig. Ich hoffe, ich sitze im Januar 2022 auf der gut besuchten Internationalen Grünen Woche, mit einer leckeren bayerischen Ente, Klößen und Rotkohl auf dem Teller und einem gepflegten Glas Bier in der Hand. Dann werde ich tief seufzen und sehr froh sein, dass der ganze Pandemie-Spuk (hoffentlich!) vorbei ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Haben Sie Fragen? Sprechen Sie uns an!

 

Anne von Fallois | E-Mail: Anne.vonFallois@kienbaum.de | Tel.: +49 30 88 01 98-80