„Zusammenarbeits­modell“ statt „Führungs- oder Organisationsmodell“

Interview mit Jörg Staff, Atruvia

„Zusammenarbeits­modell“ statt „Führungs- oder Organisationsmodell“

Jörg Staff, Mitglied des Vorstands und verantwortlich für das Ressort People & Business Services bei Atruvia, hat im Vorfeld der Kienbaum People Convention 2022 mit Prof. Dr. Walter Jochmann und Frank Stein über Nachhaltigkeit gesprochen – im Unternehmen allgemein und im HR-Bereich im Speziellen. Ein Interview über Employee Experience, Vielfalt und Führungsrollen.

Lesedauer: 5 Minuten

Jörg Staff

Jörg Staff

Was ist Ihre Konzeption von Nachhaltigkeit bei Atruvia?

Jörg Staff: Wir haben eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet, die querschnittlich verschiedene Bereiche des Unternehmens, aber auch unterschiedliche Stakeholdergruppen und deren Bedürfnisse berücksichtigt. Dabei orientieren wir uns am Drei-Säulen-Modell, auch Triple Bottom Line genannt: Ökologie, Ökonomie und Soziales müssen Hand in Hand gehen und eng verzahnt sein. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Wir möchten unseren gesellschaftlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten. Diverse Teams, gute Arbeitsbedingungen und vereinte Kompetenzen machen ein Unternehmen langfristig erfolgreich. So hängt alles miteinander zusammen.

Als Digitalisierungspartner in der Genossenschaftlichen FinanzGruppe gibt es bei uns viele Anknüpfungspunkte an das Thema Nachhaltigkeit. Wie jedes Unternehmen müssen auch wir im Alltag unseren Beitrag leisten: Wir beziehen bereits seit Jahren Ökostrom und produzieren unseren eigenen Strom durch Photovoltaik, in unserem Betriebsrestaurant kommen zu großen Teilen regionale Bio-Produkte auf den Tisch, und wir investieren beim Bau und der Ausstattung unserer Bürogebäude in Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber auch in unserem Kerngeschäft liegt viel Potenzial: Daten, Server, Rechenleistung – all das verbraucht kostbare Energie und ist daher ein großer Hebel für mehr Nachhaltigkeit.

Hinzu kommt die Verpflichtung gegenüber unseren Kunden, allen voran den rund 800 deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Wie überall spielt auch in der Finanzbranche nachhaltiges Handeln eine immer größere Rolle. Es geht um Berichtspflichten, um die EU-Taxonomie oder die Beachtung von ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) in der Beratung oder das Lieferkettengesetz. Bei vielen Punkten können, wollen und müssen wir unsere Kunden, die Banken, als Digitalisierungspartner unterstützen.

 

Wie bilden Sie das Thema Nachhaltigkeit in Ihrem integrierten Servicefeld rund um HR, IT und Facility Management ab?

Zur Nachhaltigkeit gehören für uns die drei Felder Ökologie, Ökonomie und Soziales. Damit betrifft das Thema automatisch unseren Servicebereich Employee Experience (HR, IT, Facility Management, Nachhaltigkeit).

Wir nennen unser Servicefeld nicht ohne Grund Mitarbeiter-Experience statt „Human Resources“. Es geht darum, ein möglichst gesamtheitliches (cross-funktionales), positives Mitarbeitererlebnis zu schaffen, von der Bewerbung bis hin zum Austritt aus dem Unternehmen. Das gilt natürlich auch für alle Aspekte der Nachhaltigkeit. Dazu gehören kleine, alltägliche Dinge, wie eine funktionierende Kaffeemaschine im Büro, aber auch Großes, z. B. die Berücksichtigung verschiedener Lebensmodelle oder -phasen, die wir im Rahmen des neuen Digital-Tarifvertrags, den wir vor zwei Jahren abgeschlossen haben, anbieten. Dabei geht es um Flexibilität bei Arbeitszeit, Arbeitsort, Entgelt und sozialen Leistungen, um verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Was brauchen z. B. Mitarbeitende, die nach der Elternzeit oder nach Krankheit ins Unternehmen zurückkommen, oder die parallel Angehörige pflegen?

In der IT und im Facility Management sind dagegen Ökonomie, aber vor allem auch Ökologie wichtig. Woher kommt die Hardware und was passiert mit Altgeräten? Diese lassen wir z. B. von einer zertifizierten Werkstatt für behinderte Menschen aufbereiten oder recyclen. Das Facility Management kann einen großen Beitrag beim Thema Energieeffizienz leisten. Wir bauen an unserem Standort in Karlsruhe aktuell neue Bürogebäude, die mit Erdwärme beheizt und von Solarenergie unterstützt werden. Diese Arbeitsumgebung maximal effizient zu gestalten, ist ein sehr großer Hebel. Dazu gehört selbstverständlich auch ein Mobilitätskonzept mit e-Ladestationen für unsere Mitarbeitenden, der Förderung von e-Fahrzeugen sowie der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrädern.

Unser Health, Family & Life Team bietet alle Angebote zur Förderung der körperlichen und psychischen Fitness unserer Mitarbeitenden an; inklusive von Familienangehörigen und Kindern, wie z. B. psychologische Betreuung bei besonderen Einflüssen wie Covid-19 oder dem Ukraine-Krieg. Zuletzt haben wir unseren Mitarbeitenden Sonderurlaub gewährt für die Unterstützung bei der Fluthilfe oder bei Hilfsaktionen im Rahmen des Ukraine-Kriegs.

 

Wie ordnen Sie das Thema Diversität in diesen Zusammenhang ein?

Diversität gehört zur sozialen Säule der Nachhaltigkeit. Die Akzeptanz von Menschen, die anders sind als man selbst, sollte per se selbstverständlich sein. Das ist nicht nur menschlich anständig, sondern dient auch dem Unternehmen. Diverse Teams sind starke Teams – denn unterschiedliche Erfahrungswerte, Skills, Sichtweisen und Herkünfte bereichern die Arbeit aller und führen zu besseren Ergebnissen. Deshalb ist es auch für Atruvia wichtig, Diversität zu fördern und auch zu fordern. Wir sind seit vielen Jahren Mitglied der Charta für Vielfalt. Diversität ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, der auch im Recruiting Berücksichtigung findet. Aktuell arbeiten wir mit dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München in einem vom Bund geförderten Praxislaboratorium zusammen (WomenDigit), um unser agiles Zusammenarbeitsmodell als zusätzliche Chance für mehr Gendergerechtigkeit zu nutzen.

 

Wie zahlt Ihr neues Führungsmodell auf die Förderung von Nachhaltigkeit/Diversität ein? Und welchen Wertbeitrag leistet das Personalmanagement?

Wir haben uns bewusst für den Begriff „Zusammenarbeitsmodell“ anstelle von „Führungs- oder Organisationsmodell“ entschieden. Denn genau das soll es fördern: Zusammenarbeit. Flachere Hierarchien, fachliche Verantwortung bei den Mitarbeitenden und Arbeit über Bereichsgrenzen hinweg. Das alles zahlt langfristig auf Nachhaltigkeit in all ihren Facetten ein, vor allem im Kontext Diversität. In unserem Karrieremodell sind Experten und Projektmanager:innen den Tribe und People Leads gleichgestellt. Somit wirken auch die Experten direkt an Unternehmensentwicklungen mit, und haben eine direkte Berichtslinie an den Vorstand. Die Mitarbeitenden bringen Skills und Erfahrungswerte an der Stelle ein, an der sie gebraucht werden – die Leads sind keine Chefs im klassischen Sinn, sondern Coaches, Sparringspartner:innen. Service- und Geschäftsfelder haben die Möglichkeit, sich in einem gewissen Rahmen selbst zu organisieren und in den Strukturen zu arbeiten, die sie für richtig erachten. Ein integriertes, cross-funktionales Karrieremodell unterstützt die Mitarbeitenden dabei, sich an verschiedenen Stellen weiterzuentwickeln und einzubringen. Dabei denken wir bei „Karriere“ nicht nur klassisch an einen Aufstieg in der Hierarchie, sondern es kann auch eine fachliche Weiterentwicklung sein. Die neue Funktion der People Leads fokussiert sich ausschließlich auf die nachhaltige Entwicklung und Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeitenden, erkennt deren Stärken und Potenzial, und gibt ihnen die Chance, dort zu glänzen, wo sie gut sind. Eine gute Mitarbeiter-Experience ist eine Erfahrung, die alle Säulen der Nachhaltigkeit einschließt.

 

Zur Person:

Jörg Staff ist Vorstand People & Business Services der Atruvia AG, sowie Aufsichtsrat, Beirat und Investor. Er absolvierte ein Studium der Betriebswirtschaft sowie einen Master of Business Administration (MBA). Vor der aktuellen Position berichtete er über 20 Jahre direkt an CEO’s und Vorstände führender Unternehmen in der IT-Industrie (SAP AG), Logistik (Deutsche Post/DHL) und der Automobilindustrie (Daimler AG). Über 40000 Leser:innen kennen seine Blogs „Logbuch einer Transformation“ und „The Big Shift“ im Human Resources Manager Magazin. In 2021 wurde Jörg Staff von einer Jury zu den 40 führenden HR-Köpfen im deutschsprachigem Raum und von den Lesern des personalmagazins zum „CHRO of the Year“ gewählt. 2022 schaffte er es in das Ranking der weltweit „Top 200 Biggest Voices in Leadership“ von leadersHum.

 

Jörg Staff ist auch bei unserer diesjährigen Kienbaum People Convention zu Gast!

Melden Sie sich hier kostenfrei zu unserer renommierten, virtuellen HR-Fachtagung an: Anmeldung zur People Convention

 

Sie haben Fragen? Sprechen Sie uns an:

Prof. Dr. Walter Jochmann | E-Mail: Walter.Jochmann@kienbaum.de | Tel.: +49 221 801 72-550

Frank Stein | E-Mail: Frank.Stein@kienbaum.de | Tel.: +49 221 801 72-394