Vergütung

2. Juni 2026

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4 Minuten Lesezeit

KI und Gehalt: Noch keine Verlierer, aber erste Gewinner

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Dr. Michael Kind

Director, Partner

Compensation & Performance Management

Steigende Gehälter, wachsender Effizienzdruck und KI als neue Variable: In vielen Unternehmen stellt sich zunehmend die Frage, welche Arbeit künftig noch menschliche Kapazität braucht und welche Aufgaben Technologie übernehmen kann. Noch zeigt sich kein breiter Druck auf Gehälter. Doch erste Kompetenzprämien entstehen dort, wo Menschen KI in produktive Arbeit übersetzen. Was bedeutet das für Vergütung, Rollen und den Wert von Arbeit?

In den letzten Monaten ist mir ein Satz immer häufiger begegnet. Er fällt oft nicht laut. Eher beiläufig. Manchmal nach einem Austritt, manchmal im Rahmen der Budgetplanung, manchmal in einer Diskussion über Effizienzprogramme. Der Satz lautet sinngemäß:

„Müssen wir diese Stelle wirklich nachbesetzen oder kann nicht KI die Aufgaben übernehmen?“

Die wirtschaftliche Lage zwingt viele Unternehmen, genauer auf Personalkosten zu schauen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Produktivität. In diesem Spannungsfeld entsteht eine neue Logik: Wenn Gehälter weiter steigen, muss an anderer Stelle Effizienz entstehen.

Hier kommt KI ins Spiel.

Im Kienbaum Faktencheck Gehaltsentwicklung 2026 geben knapp über 60 % der Unternehmen an, dass sie in KI investieren, um steigende Lohnkosten zu kompensieren. In der Gehaltsentwicklungsprognose aus dem Herbst 2025 lag dieser Wert noch bei 47 %. Das zeigt eine veränderte Erwartungshaltung.

KI wird zunehmend als Teil der Antwort auf steigende Personalkosten gesehen. Nicht zwingend als Ersatz ganzer Belegschaften. Aber als Hebel, um Aufgaben anders zu organisieren und Prozesse weniger personenintensiv zu gestalten.

Welchen Einfluss KI auf Vergütung hat

Der Kienbaum Faktencheck liefert zum Einfluss von KI einen interessanten Hinweis. Nur etwa 10 % der befragten Unternehmen berichten, dass sie die Gehaltssteigerungen für Mitarbeitende, deren Jobs potenziell durch KI substituiert werden könnten, niedriger als im Durchschnitt angesetzt haben.

Das spricht dafür, dass es in der Breite noch keine ausgeprägte Gruppe von „KI-Verlierern“ in der Gehaltsrunde gibt. Zumindest nicht sichtbar in den aktuellen Vergütungsentscheidungen.

Anders sieht es bei Mitarbeitenden aus, die kritische Kompetenzen mitbringen, um KI im Unternehmen nutzbar zu machen. Hier gibt etwa jedes vierte befragte Unternehmen an, dass diese Personen überdurchschnittliche Gehaltssteigerungen erhalten haben.

Dies deutet darauf hin: Beim Thema Vergütung werden (noch) nicht diejenigen bestraft, welche systematisch ersetzbare Arbeit leisten. Vielmehr werden diejenigen belohnt deren Arbeit Produktivität erhöht.

KI schafft bislang eher Kompetenzprämien als breite Gehaltsabschläge

Eine mögliche Interpretation ist: KI wirkt auf Gehälter derzeit weniger über Druck nach unten, sondern stärker über Prämien nach oben.

Wer KI versteht, Use Cases übersetzen kann, Prozesse neu denkt oder Fachbereiche durch Veränderung begleitet, wird für Unternehmen wertvoller. Das betrifft nicht nur klassische Tech-Rollen.

Natürlich brauchen Unternehmen Data Scientists, AI Engineers oder IT-Expert:innen. Aber mindestens genauso wichtig werden Menschen, die fachliche Arbeit und Technologie verbinden können.

Eine Beobachtung aus vielen Projekten: Unternehmen suchen nicht nur Menschen, die KI „bedienen“ können. Sie suchen Menschen, die KI sinnvoll in Arbeit übersetzen können. Also Personen, die beantworten können, wo sich der Einsatz von KI lohnt und wo nicht.

Warum die große Gehaltswirkung noch ausbleibt

Dass KI bislang nur begrenzt auf die Gehaltsentwicklung durchschlägt, hat vermutlich mehrere Gründe.

Viele Use Cases sind noch klein. Sie verbessern einzelne Arbeitsschritte, ersetzen aber selten komplette Rollen. Ein Tool, das Texte vorbereitet, Tickets sortiert oder Analysen beschleunigt, verändert Produktivität. Aber es verändert nicht automatisch die komplette Stellenarchitektur.

Zudem ist die arbeitsorganisatorische Frage anspruchsvoller als die technische. Es reicht nicht, ein KI-Tool einzuführen. Unternehmen müssen Arbeit neu schneiden: Welche Aufgaben bleiben in der Rolle? Welche wandern ins System? Welche Qualitätskontrollen braucht es? Welche Verantwortung bleibt beim Menschen?

Sind diese Fragen nicht beantwortet, bleibt auch der Effekt auf Vergütung begrenzt.

Fazit: KI verändert Gehalt nicht durch einen großen Knall, sondern durch viele kleine Neubewertungen

Aus heutiger Sicht wirkt KI auf Gehälter noch selektiv. Es gibt erste Kompetenzprämien. Es gibt erste Effizienzüberlegungen. Es gibt erste Diskussionen über Nachbesetzungen. Aber noch keine breite, systematische Verschiebung.

Vergütungssysteme reagieren selten sofort auf technologische Umbrüche. Sie reagieren, wenn aus Experimenten neue Routinen werden. Wenn aus Pilotprojekten neue Rollen entstehen. Wenn aus einzelnen Effizienzgewinnen neue Erwartungswerte für Produktivität werden.

Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob KI Gehälter verändern wird, sondern: Wann wird aus dem heutigen Experimentierfeld ein neuer Maßstab für den Wert von Arbeit in der Breite der Unternehmen?

Genau mit dieser Entwicklung beschäftigen wir uns aktuell in Studien, Projekten und Gesprächen mit Unternehmen:

Wie verändert KI langfristig Rollen, Produktivität und den Wert von Arbeit?

Eine Frage, die dabei immer relevanter wird:
Kennen Unternehmen bereits heute die Schlüsselrollen und Personen, welche die Effizienzversprechen von KI tatsächlich in produktive Arbeit übersetzen können? Und werden genau diese Kompetenzen in der aktuellen Vergütungslogik bereits ausreichend berücksichtigt?

 


 

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