Leadership Portrait

6. Mai 2026

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Vom Familienunternehmen in den Konzern: Dr. Marion Henschel über Führung mit Bodenhaftung

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Kirsten Werner-Schaefer

Executive Director, Partner

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Dr. Marion Henschel ist Vorsitzende der Geschäftsführung der STRABAG Property and Facility Services Unternehmensgruppe. Ihr beruflicher Weg steht beispielhaft für unternehmerische Kontinuität, strategischen Mut und moderne Führung in einer traditionell geprägten Branche. Ein Leadership-Portrait über unternehmerische Verantwortung, weibliche Führung, strategischen Wandel und die Frage, warum Nähe zur Organisation ein zentraler Bestandteil moderner Leadership bleibt.

Führung in traditionell geprägten Branchen verlangt heute mehr als operative Erfahrung. Sie braucht strategische Weitsicht, Veränderungsbereitschaft und ein klares Verständnis dafür, wie Organisationen auch in komplexen Strukturen wirksam bleiben. Besonders sichtbar wird das an Führungspersönlichkeiten, die unternehmerische Herkunft, Transformationserfahrung und moderne Leadership-Praxis miteinander verbinden.

Dr. Marion Henschel, Vorsitzende der Geschäftsführung der STRABAG Property and Facility Services Unternehmensgruppe, steht für genau diese Verbindung. 2025 wurde sie vom manager magazin zu den Top 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft gezählt. Ihr beruflicher Weg zeigt, wie unternehmerische Prägung, strategischer Mut und Bodenhaftung zu einem Führungsverständnis werden können, das Verantwortung nicht abstrakt denkt, sondern im Alltag der Organisation verankert.

Früh geprägt vom Bau – und doch bewusst andere Wege gegangen

Dr Marion HenschelDie Bauindustrie war für Dr. Marion Henschel früh allgegenwärtig. Aufgewachsen im Familienunternehmen Hermann Kirchner in Bad Hersfeld, einem 1926 von ihrem Großvater gegründeten Tief- und Straßenbauunternehmen, lernte sie schon als Kind, wie eng Unternehmertum, Verantwortung und Familienleben miteinander verbunden sein können. „Sommerurlaub gab es bei uns nicht – im Sommer wurde gebaut“, erinnert sie sich. Dennoch entschied sie sich nach dem Abitur zunächst bewusst für eine Banklehre bei der Deutschen Bank, gefolgt von einem BWL-Studium in Gießen. Schon früh beschäftigte sie sich wissenschaftlich mit den Themen Führung, Nachfolge und Kapitalnachfolge in Familienunternehmen – Themen, die ihren weiteren Weg prägen sollten. In ihrer Promotion griff sie eines der damals noch jungen Felder auf: PPP-Modelle, zu einer Zeit, in der es hierzu noch kaum empirische Grundlagen gab.

Vom Familienunternehmen in den Konzern: Wandel bewusst gestalten

1998 trat sie in das Familienunternehmen ein und baute dort erfolgreich den PPP-Bereich auf. In den 2000er-Jahren wurde das Unternehmen von einer gemischten Geschäftsführung aus Familienmitgliedern und externen Geschäftsführern geleitet.

Angesichts wachsender Anforderungen an Governance, Kapital und Führung entschied sich die Familie schließlich für einen M&A-Prozess, den Dr. Henschel maßgeblich verantwortete. 2008 wurde das Unternehmen Teil des STRABAG-Konzerns – ein Schritt, den sie bis heute als richtig bezeichnet: Die unternehmerischen Freiheiten seien groß geblieben, die Entwicklungsmöglichkeiten enorm.

Innerhalb des Konzerns übernahm sie zunächst die Gesamtverantwortung für PPP Deutschland. Vor rund zehn Jahren folgte dann der nächste große Schritt: Auf Wunsch des Konzernvorstands wechselte sie in die Property- und Facility-Services-Sparte.
Von einem Projektbereich mit rund 70 Mitarbeitenden hin zu einer Organisation mit heute 14.000 Mitarbeitenden in 6 Ländern – eine deutliche inhaltliche und organisatorische Weiterentwicklung ihres Verantwortungsbereichs.

Formelle Mentoren, sagt sie offen, habe es in ihrer frühen Laufbahn nicht gegeben.
Entscheidend sei für sie früh gewesen, sich selbst etwas zuzutrauen, auch vertraute Wege zu verlassen  und offen für neue Rollen zu sein. Rückblickend habe sie sicher auch Glück gehabt, „zur richtigen Zeit mit den richtigen Menschen zusammenzutreffen. Durch Führung die Atmosphäre, die Zusammenarbeit und die Haltung im Team beeinflussen“ – das habe sie von ihrem Vater gelernt.

Frauen in Führung: Fortschritte, Programme – und eine gläserne Decke

Beim Thema Frauen in Führung zeichnet Dr. Henschel ein differenziertes Bild:
Im STRABAG-Konzern ist der Holding-Vorstand nach wie vor rein männlich. Auf der Ebene der Unternehmensbereichsleiter gibt es neben ihr eine weitere Frau im operativen Bereich in Wien. Auf Direktorenebene hingegen sind in ihrem eigenen Verantwortungsbereich viele Frauen vertreten, auch begünstigt durch die Nähe zur Immobilienbranche, in der der Frauenanteil traditionell höher ist als im klassischen Baugeschäft.

Gleichzeitig spricht sie offen von einer „gläsernen Decke“:
Bis zur Team- und Gruppenleitung gibt es viele Frauen in Führung, ab Bereichsleiterebene wird es deutlich dünner. Gründe sieht sie u. a. im Thema Familiengründung, im zeitweisen Ausstieg aus Rollen und vor allem darin, dass sich Frauen häufig weniger zutrauen. In Deutschland spiele hier auch das gesellschaftliche Rollenverständnis noch immer eine große Rolle.

Der Konzern begegnet dem Thema mit klaren Maßnahmen: KPIs zur Förderung weiblicher Führungskräfte, eine ESG-Strategie mit klarer Diversity-&-Inclusion-Ausrichtung, Programme zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ein eigenes Female-Leadership-Programm.

Mut, Sichtbarkeit und Resilienz

Besonders wichtig ist Dr. Henschel, Frauen zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen:
Mutig zu sein, eigene Akzente zu setzen, gezielt zu. Sichtbarkeit entstehe nicht von selbst, sondern dadurch, dass man sich anbietet, Verantwortung übernimmt, auch fachfremde Projekte annimmt und bereit ist, sich für die Organisation einzubringen.

Bodenständigkeit als Führungsprinzip

Als Führungskraft sucht sie bewusst die Nähe zur Organisation:
Im Sommer besucht sie regelmäßig internationale Standorte, spricht mit Service- und Reinigungskräften, Objektleitern und operativen Teams.
Wertschätzung, echtes Interesse und der Blick „nach draußen“ sind für sie zentrale Elemente guter Führung – und die Voraussetzung dafür, dauerhaft wirksam zu bleiben.

Trotz aller Verantwortung ist ihr eines immer wichtig geblieben: Bodenständigkeit.
Ein langjähriger Freundeskreis außerhalb der Bau- und Wirtschaftswelt habe ihr geholfen, geerdet zu bleiben.

Was moderne Führung daraus lernen kann

Der Weg von Dr. Marion Henschel zeigt, dass moderne Führung nicht aus einem einzelnen Erfolgsfaktor entsteht. Sie ist das Zusammenspiel aus unternehmerischer Prägung, strategischem Mut, Selbstvertrauen, Resilienz und Nähe zur Organisation.

Drei Impulse lassen sich daraus besonders deutlich ableiten.

Erstens: Führung gewinnt an Wirksamkeit, wenn sie das operative Geschäft versteht. Wer nah an der Organisation bleibt, trifft bessere Entscheidungen und schafft Vertrauen.

Zweitens: Veränderung braucht den Mut, vertraute Strukturen weiterzuentwickeln. Der Übergang vom Familienunternehmen in den Konzern zeigt, dass strategischer Wandel nicht zwangsläufig Identität kostet. Richtig gestaltet, kann er neue Möglichkeiten eröffnen.

Drittens: Vielfalt in Führung entsteht nicht allein durch Programme. Sie braucht Strukturen, Sichtbarkeit und eine Kultur, in der Frauen sich Führungsverantwortung zutrauen und darin aktiv bestärkt werden.

 


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