Brave Leadership

26. Januar 2026

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Mutige Führung in Zeiten der Nachhaltigkeitsdebatte

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Kienbaum Redaktion

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Kienbaum.com

Ist Nachhaltigkeit überhaupt noch relevant? Diese Frage mag angesichts des politischen Gegenwinds berechtigt klingen. Im Rahmen unserer jüngsten Brave Leadership Session stellten unsere Expert:innen jedoch klar: Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern ein Dauerthema, das Führungskräfte vor alte wie neue Herausforderungen stellt. Zentral für gelungene Führung sei eine empörungsfreie Herangehensweise sowie die Fähigkeit Widersprüche auszuhalten.

Unter dem Titel „Mutige Entscheidungen in Zeiten systemischer Unsicherheit” durften unsere Kienbaum-Expertinnen Kim-Sandy Eichler und Inge Wölfler zwei Gäste begrüßen, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das nach wie vor hochaktuelle Thema Nachhaltigkeit blicken: Meike Frese, geschäftsführende Gesellschafterin der Fährmann-Organisationsbegleitung, und Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer der ProPotsdam.

Achtung: Wetterumschwung

Meike Frese nutzte in ihrem Impulsvortrag die einprägsame Metapher des Wetters, um den Umgang mit Nachhaltigkeit zu beschreiben. 2019 startete die EU mit dem Green Deal unter einem „stabilen Hochdruckgebiet” – breite Mehrheiten, ambitionierte Ziele, der erste klimaneutrale Kontinent als Vision. Im Jahr 2025 baute das Omnibus-Paket der EU die ESG-Regulatorik wieder massiv zurück – mit exakt derselben Begründung wie vor sechs Jahren: um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu stärken.

Laut Frese nahmen viele Menschen den Green Deal als eine sehr große Geste wahr, die sehr schnell umgesetzt werden sollte. Das Problem: Je größer die Geste, desto stärker der Backlash. Die Folgen waren verhärtete Fronten, viel Gewitter in der Luft und eine Polarisierung zwischen jenen, die Nachhaltigkeit als Bürokratiemonster ablehnten, und jenen, die im Rückbau der Regulierung einen Verrat an der Zukunft sahen.

Anfang 2026 befinden wir uns in einer Phase der Scheinklarheit: Bei einzelnen Regulierungspaketen wissen Unternehmen nun, woran sie sind. Doch langfristig bleibt vieles im Nebel. Nachhaltigkeit hat eine Delle bekommen – aber tot ist sie nicht.

Resilienz statt Ideologie

Aus Führungssicht empfahl Frese einen Perspektivwechsel: Nachhaltigkeit weniger als moralisches oder ideologisches Thema zu verstehen, sondern als Resilienzthema. Diese Haltung lenkt den Fokus weg von der Frage, ob man Nachhaltigkeit gut oder schlecht findet, hin zur entscheidenden Frage: Bin ich gerüstet für das, was kommt?

„Wetter ist immer”, so Frese. Man müsse es akzeptieren, ebenso wie den Umstand, dass es Nachhaltigkeitsherausforderungen im Außen gebe – ökologisch, wirtschaftlich und sozial. Diese Herausforderungen blieben bestehen, so Frese. Es sei nicht ratsam, Energie darauf zu verschwenden, sie wegzudiskutieren. Vielmehr müsse ein Umgang mit dem Thema her, der von Flexibilität und Ambiguitätstoleranz geprägt ist.

Brave Leadership Mutige Entscheidungen in Zeiten systemischer Unsicherheit

Die Lieblingsjacke wechseln

Jede Führungskraft habe seine Lieblingspräferenz bei Nachhaltigkeit, vergleichbar mit einer Lieblingsjacke. Manche agierten schnell, seien First Mover. Andere lehnten sich zurück und säßen Entwicklungen erst einmal aus. Beides könne günstig sein. Entscheidend sei die Fähigkeit, auch in die anderen Jacken zu schlüpfen, wenn die Situation es erfordert.

Beide Gäste waren sich einig darin, dass diese Haltung von der Geschäftsführung vorgelebt und in die Breite der Organisation getragen werden müsse. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, mehren sich Widerstände und unnötige Grabenkämpfe, die sinnlos Ressourcen binden.

ProPotsdam: Nachhaltigkeit als DNA

Jörn-Michael Westphal brachte die Perspektive eines Unternehmens ein, für das Nachhaltigkeit keine Option, sondern Existenzgrundlage ist. Die ProPotsdam, ein Verbund aus zehn Unternehmen der sozialen Wohnungswirtschaft mit 18.000 Wohnungen, hat Soziales und Wirtschaft bereits im Namen. Dass man zudem ökologisch nachhaltig agiert, ist einerseits persönliches Anliegen der Geschäftsführung andererseits aber auch auf die gesetzlichen Bestimmungen zurückzuführen. Werden Nachhaltigkeitsziele nicht erfüllt, weil eine dieser drei Säulen vernachlässigt wird, verweigern Banken die Baukredite.

Der Ansatz der ProPotsdam geht aber weiter und betrachtet Beteiligung als vierte Säule der Nachhaltigkeit. Bereits 2007 holte das Unternehmen alle Mitarbeitenden ins Kino, zeigte Eine unbequeme Wahrheit und sammelte erste Verbesserungsvorschläge. Mieter wurden befragt und zeigten sich offen für Ökostrom – auch bei geringfügigen Mehrkosten.

Das Ergebnis jahrelanger konsequenter Arbeit: 85 Prozent CO2-Minderung gegenüber 1990, mehrere KfW-Awards und innovative Instrumente wie der Wohnflächenbonus, der Senioren den Umzug in kleinere Wohnungen erleichtert – gut für sie, gut für Familien, die Platz brauchen, und gut für die CO2-Bilanz.

Zielkonflikte aushalten, nicht wegdiskutieren

Beide Gäste betonten: Nachhaltigkeit bedeutet permanente Zielkonflikte zwischen Sozialem, Wirtschaftlichem und Ökologischem. Der Schlüssel liegt nicht darin, diese Konflikte aufzulösen, sondern sie auszuhalten und konstruktiv zu bearbeiten.

In diesem Zusammenhang sei der Begriff Mut nicht zu verstehen, als der Mut einer einzelnen Person, die stur etwas durchsetze, so Westphal. Bei ProPotsdam setze man vielmehr auf enge Abstimmung zwischen den Führungsebenen, regelmäßige Projektgespräche und Beteiligung – um so die Gemeinsamkeit in der Breite zu stärken, was zu einer in sich mutigen Organisation führe. Offenheit, Gestaltungsspielraum, kluge Feedback-Routinen und psychologische Sicherheit seien dafür essenzielle Grundlagen.

Ambiguitätstoleranz als Schlüsselkompetenz

Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte in dieser Gemengelage? Die Antwort beider Gäste war eindeutig: Ambiguitätstoleranz und der Umgang mit Unsicherheit. Eine einprägsame Anekdote von Meike Frese drehte sich um die Geschäftsführerin eines Textilunternehmens. Zur Halbzeit einer ambitionierten Nachhaltigkeitsstrategie stellte die Geschäftsführerin fest: Das Ziel, Fair Wear Leader zu werden, war zu ehrgeizig. Sie wollte es streichen. Doch ihr Nachhaltigkeitsteam bat um zwölf weitere Monate. Die Geschäftsführerin fühlte sich unwohl, hielt aber durch. Am Ende wurde das Unternehmen tatsächlich Fair Wear Leader. „Das war ihr Transformationsmoment”, so Frese. „Da hat sie verstanden, was Mut bedeutet.“

Fazit: Empörungsfrei navigieren

Die Session machte deutlich: Nachhaltigkeit bleibt – in welcher Form auch immer. Die Frage ist nicht, ob Unternehmen sich damit beschäftigen müssen, sondern wie sie es tun.
Jörn-Michael Westphal stellte abschließend klar, dass Nachhaltigkeit für ihn in erster Linie ein Ausdruck für vorausschauendes unternehmerisches Handeln sei, das an einer langfristigen Ergebnisorientierung ausgerichtet ist.
Als solches finden Menschen Nachhaltigkeit in der Regel „gar nicht mehr so blöd“, so Meike Frese. Entscheidend sei, Menschen mitzunehmen, ihre Emotionen zuzulassen und ihnen das Gefühl zu nehmen, in ein Korsett gespannt zu sein ohne Mitspracherecht.
Brave Leadership im Kontext der Nachhaltigkeit bedeutet: empörungsfrei navigieren, Beteiligung ernst nehmen, Zielkonflikte aushalten – und die Flexibilität haben, die Jacke zu wechseln, wenn das Wetter umschlägt.


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